Gastbeitrag von Matthias Strolz

Donnerstag, 20. Mai 2021

Warum wir die Angst in unserem Leben akzeptieren sollten

Besonders in Krisenzeiten wird unser Leben von Ängsten beherrscht. Doch wir dürfen ihnen nicht die Führung unseres Lebens überlassen, sondern sollten sie als wichtige Wegweiser begreifen und verstehen, meint der Unternehmer und Autor Matthias Strolz*. Für ihn steht fest: Gerade jetzt sind Mut und Innovationsdrang gefragt, um zukunftsfähig zu bleiben. Das gelingt aber nicht ohne das richtige Selbstbild.

"Im Juni 2018 gab ich die Funktion des Parteivorsitzenden ab und Ende September 2018 die Fraktionsführung der NEOS im Österreichischen Parlament. Im Rahmen einer halbjährigen geordneten Übergabe ließ ich los, ohne zu wissen, welchen Beruf ich zukünftig ausüben würde. „Hatten Sie nicht Angst vor diesem großen Schritt, vor dieser riesigen Veränderung?“, werde ich manchmal gefragt.

Natürlich hatte ich Sorgen, manchmal auch Ängste. Doch wirklichen Grund zur Sorge hätte ich gehabt, wenn diese Ängste ausgeblieben wären. Denn sie gehören zum Menschsein dazu. Es gibt kein sorgenfreies Leben und auch kein angstfreies. Unser Leben ist ein stetes Werden, Veränderung ist das große irdische Normal; Sorgen und Ängste gehen damit einher. Hochrelevant für unsere Lebensführung und -qualität ist jedoch, welche Rolle wir ihnen dabei geben. Ich bin dafür, sie zu wertvollen (inneren) Teammitgliedern zu ernennen, ihnen aber die Rolle der Reiseleitung zu verweigern. Die Reiseleitung vergebe ich an die Stimme des Herzens oder an das Kollektiv aus Hirn, Herz und Bauch.

Wir können unsere Zukunft aktiv mitgestalten

Wir sind weder Opfer einer ungewissen Zukunft noch ohnmächtige Zuschauer von Veränderungsdynamiken. Die Zukunft ist vielmehr ein Raum, den wir aktiv miterschaffen. Wir Menschen sind als zutiefst schöpferische Wesen angelegt. Bei vielen meiner Coachingkunden und bei Menschen, die ich auf meinen Vortragstouren treffe, bemerke ich, dass es einen sehr hohen Leidensdruck braucht, bevor sie in die Veränderung gehen – im beruflichen wie im privaten Bereich. Das ist nachvollziehbar und hat meist mit Ängsten zu tun.

Vielleicht war es einmal der richtige Job oder der richtige Partner, aber eigentlich weiß ich, dass diese Zeit vorbei ist. Mitunter vermute ich schon länger, dass ich beruflich nicht auf dem richtigen Weg bin, dass ich meine Talente und Bedürfnisse nicht ausleben kann. Die Erfüllung – das Gefühl, dass man „etwas Sinnvolles“ tut – bleibt aus. Doch beim Gedanken an Veränderung schleicht die Angst nach vorn ins Cockpit und will das Ruder übernehmen. „Werde ich einen neuen Job finden? Einen, der wirklich zu mir passt? Wie erkläre ich es meiner Familie? Was werden meine Freunde sagen?“ Besonders jetzt in der Krise jagen uns solche Fragen. „Wer bin ich dann eigentlich? Wie soll ich Geld verdienen? Was, wenn ich mich verschlechtere statt verbessere?“ Diese Fragen kennen wahrscheinlich die meisten von uns. Akzeptieren wir sie! Sie sind „komplett normal“.

Ängste geben uns wichtige Hinweise

Natürlich können Ängste auch krankhaft werden. Aber ganz grundsätzlich ist es nicht außergewöhnlich, Ängste zu haben. Sie sind in der Regel ein Hinweis, dass etwas in Bewegung ist. Ängste wahrzunehmen ist zuallererst einmal eine Kompetenz und Qualität. Lasst sie uns bewusst spüren, lasst uns ihnen eine Rolle und einen Rahmen geben. Sie sind wichtige Hinweisgeber, die uns sagen: „Sei vorsichtig, gehe mit Bedacht!“ Lasst uns unsere Ängste willkommen heißen und kennenlernen. Doch falls sie das Kommando übernehmen wollen, lasst uns klar sein. An dem Punkt müssen wir ihnen einen Platz zuweisen: „Setzen! Du bist Wächterin, Türöffnerin … nicht Anführerin.“ So bleiben wir Pilotin und Pilot unseres Lebens und werden nicht zu Passagieren unserer Ängste. Das würde krank machen und Lebensfreude rauben.

Im Umgang mit Ängsten hilft es, zu verstehen, dass sie sehr subjektiv sind. Der eine hat Angst, zu verarmen, obwohl er ein kleines Vermögen auf dem Bankkonto hat. Die Nächste sorgt sich vor der eigenen Größe und davor, die eigenen Talente anzunehmen und auszuleben. Ich habe beispielsweise Angst, wenn ich nachts allein im dunklen Wald oder auf dem Berg unterwegs bin. Das ist reichlich irrational, weil die Wahrscheinlichkeit, dort überfallen zu werden, eklatant geringer ist, als in der Wiener Innenstadt von einem Auto angefahren zu werden.

Trotzdem gibt es diese Furcht in mir. Über die Jahre wuchs jedoch der Wunsch, mich ihr zu stellen: „Der schrecklichste Drache hütet das Wertvollste“, besagt ein asiatisches Sprichwort. Und der Mythenforscher Joseph Campbell meinte: „Nur wenn wir in den Abgrund hinabsteigen, finden wir die Schätze des Lebens. Dort, wo du stolperst, liegt dein Schatz.“ Ich begann zu verstehen: Dort, wo die Knie schlottern, dort soll ich graben! Mein Angstgarten ist mein Schatzgarten. Davon bin ich mittlerweile überzeugt.

Vor rund neun Jahren ging ich dann für fünf Tage in den Wald, legte mich in die Dunkelheit, konfrontierte mich mit meinen Ängsten. Auf dieser sogenannten Vision-Quest wurde ich für meinen Mut reich belohnt. Ich bekam mein „Lied des Lebens“, erkannte meinen Wesenskern ein Stück besser. Das schaffte Klarheit am „inneren Ort“ – ein Begriff, den Otto Scharmer verwendet, der Begründer der U-Theorie über das Wesen von Veränderung und Forscher am Massachusetts Institute of Technology. Es war die machtvollste Intervention meines bisherigen Erwachsenenlebens – neben Heiraten, Papa-Werden und später der Gründung einer Partei.

Nun habe ich gelegentlich ein Rendezvous mit meinen Ängsten. Gerade in Zeiten des Wandels. Ich nehme mir bewusst Zeit und schaffe einen geschützten Raum für eine Begegnung mit meinem Wesen – sei es bei einer Wanderung allein, einem Waldspaziergang oder einem feinen Schaumbad. Ich beobachte mich selbst in meinem Werden. Ich begegne dabei auch meinen Ängsten. Und das ist okay so. Das Unbekannte braucht die Angst, um bekannt zu werden. „FEAR – Face Everything And Rise!“ – „Angst – Stelle und entfalte dich!“, hängt über meinem Schreibtisch."

*Zum Autor: Matthias Strolz ist Unternehmer, Bürgerbeweger, Freigeist, Publizist und TV-Schaffender. Als „Gärtner des Lebens“ kultiviert er soziale Felder. Als mehrfacher Unternehmensgründer war er zwölf Jahre in den Bereichen Leadership-Coaching und Organisationsberatung tätig. 2012 gründete er die Partei NEOS, für die er bis 2018 als Parteichef und Fraktionsvorsitzender im österreichischen Parlament wirkte.

Video-Tipp: Im aktuellen, spannenden NWXnow Videocast "Wie wir Architekten unser eigenen Zukunft werden" spricht Matthias Strolz mit Marc-Sven Kopka darüber, wie wir herausfinden, was wir wollen, was wir können und was uns glücklich macht. Er berichtet von eigenen Erfahrungen, Hürden und Stolpersteinen auf dem Weg zu sich selbst und erzählt, wie und wann er erkannt hat, wohin er sich und seine Persönlichkeit entwickeln möchte.

(Dieser Text von Matthias Strolz erschien zuerst im Juli 2020 als Beitrag im Format "Zukunft.machen." der XING Redaktion. Hier teilen Expert·innen, Vordenker·innen, Wissenschaftler·innen und Influencer·innen in Video-Interviews, Gastbeiträgen, Interviews und Podcasts  ihre Lösungsansätze, wie eine gelungene Zukunft zum Wohle aller gelingen kann.)

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