Interview mit Janett Dudda zum Thema Neue Führung

„Chefs müssen lernen, Ermöglicher zu werden“

Wie in vielen anderen Bereichen der Arbeitswelt hat Corona auch beim Thema Führung als Katalysator gewirkt: Kontrolle abgeben, Vertrauen schenken, die Beziehung pflegen – diese Themen stehen auf der Agenda. Was müssen Chefs jetzt neu lernen? Welche Führungsqualitäten zählen in Zukunft? Psychologin und Coach Janett Dudda* berät regelmäßig Führungskräfte und erzählt im Interview mit dem NWX Magazin, worauf es bei der Leitung von Unternehmen und Teams in den nächsten Jahren - und darüber hinaus - ankommt. 

NWX Magazin: Warum müssen Chefs jetzt etwas neu lernen oder anders machen?

Janett Dudda: Moderne Führung wird immer stärker die Voraussetzung dafür, Mitarbeiter zu bekommen und zu halten. Der Fachkräftemangel macht es für Unternehmen unabdingbar, jetzt über Selbstverwirklichung im Job und Wertschätzung nachzudenken. Ich stelle fest, dass Unternehmen stark motiviert sind, etwas zu verändern, wenn sie feststellen, dass ihnen die Leute weglaufen oder sie keine Bewerber finden. Der Grund dafür ist natürlich, dass die Mitarbeiter selbst keine Werbung für das Unternehmen machen. IT-ler kennen immer andere IT-ler: Wenn sie die nicht anwerben, ist das ein Zeichen, dass sie nicht zufrieden sind.

Was müssten Führungskräfte also ändern?

Janett Dudda: Sie sollten Vertrauen schenken und weg vom klassischen Führungsstil à la: "Gemacht wird, was der Chef sagt." Führungskräfte sollten ein starkes Vertrauen ins Expertentum ihrer Mitarbeiter haben, denn als die haben sie sie ja letztlich eingestellt. Kontrolle abzugeben heißt auch, Entscheidungen zu akzeptieren, die ich so nicht gefällt hätte – und Vertrauen zu haben, dass die Mitarbeiter im Sinne des Unternehmens entscheiden.

Kann man es lernen, die Kontrolle abzugeben und Vertrauen zu schenken?

Janett Dudda: Bis zu einem gewissen Grad ist es eine Typfrage. Von der Psychopathologie her brauchen manche Menschen viel Kontrolle, damit das Nervensystem ruhig bleibt. Sie sind vielleicht Führungskräfte geworden, weil sie schon sehr lange im Unternehmen sind oder fachlich sehr gut sind, aber menschlich sind sie eigentlich nicht dafür gemacht und wollen es auch nicht. Nicht jeder ist ein guter Beziehungsmanager. Anders verhält es sich dagegen, wenn ich einfach nur in einem Unternehmen sozialisiert bin, das auf einen sehr autoritären Führungsstil setzt, vom Typ her aber eigentlich anders bin: Dann kann ich sehr gut auch lernen, Vertrauen zu haben und mehr aus der Hand zu geben.

Wie geht das denn ganz praktisch?

Janett Dudda: Wichtig ist, das Ziel zu definieren, aber den Weg dorthin dem Mitarbeiter zu überlassen. Je genauer das Ziel beschrieben ist, desto mehr Sicherheit haben beide Seiten. Fachlich bleibe ich im Austausch und helfe bei Schwierigkeiten, aber auch der persönliche Kontakt ist wichtig. Je besser ich jemanden kenne und je besser unsere Beziehung ist, desto leichter kann ich wie in allen anderen Bereichen des Lebens dann auch im Job Vertrauen schenken. 

Persönlicher Kontakt ist in Pandemiezeiten schwierig – und remote work wird nicht verschwinden. Wie bleiben Führungskräfte trotzdem nah an ihren Mitarbeitern?

Janett Dudda: Remote Office hat da einiges offengelegt: Wer vorher schon kein guter Beziehungsmanager war, für den ist es im Homeoffice noch schwieriger. Aber es kann auf jeden Fall klappen. Genau wie in Präsenz im Büro ist es im Homeoffice wichtig, Raum zu schaffen, um mit dem Mitarbeiter Zeit zu verbringen. Ob das 20 Minuten in der Woche, im Monat oder im Quartal sind: Jede Minute zählt. Da kläre ich im 1:1-Gespräch, was gerade auf der Agenda steht und was seit dem letzten Austausch passiert ist. 

Führungskräfte sollten sich auch viel stärker als Ermöglicher sehen: Was hat den Mitarbeiter behindert? Konnte er wegen des Budgets oder Zugriffsrechten sein Ziel noch nicht erreichen? Wie kann ich unterstützen? Nur wenn ich da einen festen Rhythmus habe, lerne ich den Mitarbeiter richtig kennen und kann so seinen Bedarf sehen. Ebenso wichtig ist es aber, dass Chefs Beziehungsgestalter sind und auch Raum für informellen Austausch schaffen: Jeder ist nicht nur Mitarbeiter oder Chef, sondern auch ein Mensch mit sozialen Bedürfnissen. Wir können nur Kontrolle abgeben, wenn wir das Gefühl haben, dass das ein guter Typ ist. Nur dann ist unser Nervensystem beruhigt.

Bei entsprechend großen Teams klingt das nach enormem Zeitaufwand.

Janett Dudda: Also erstens lohnt es sich tatsächlich für Unternehmen, da zu investieren. Und zweitens sind die Teams in vielen Unternehmen einfach zu groß. Ich schule gerade die Führungskräfte eines DAX-Unternehmens zum Thema Führung aus dem Homeoffice. Dort ist eine Führungskraft oft quasi nur Verwalter für 30 oder 40 Leute und teilt die Arbeit ein und erstellt Urlaubspläne – für echte Führung ist da gar keine Zeit. Im Homeoffice fiel das vielen stark auf die Füße, wenn jeder nur noch daumennagelgroß im Teams-Meeting ist. Da müssen tiefgreifende Umbrüche passieren, zum Beispiel gibt es ja auch schon Unternehmen mit einem fachlichen Leiter und einem, der eher als Ermöglicher tätig ist und sich um Aspekte wie Fortbildung und Wertschätzung kümmert – und das für ein Team mit maximal 14 Leuten.

„Ich unterstütze dich auf dem Weg vom Freund zum Chef“ ist Ihr Slogan: Muss man als Chef der Feind sein?

Janett Dudda: Nein, so ist das keinesfalls gemeint. Im Gegenteil: Man kann auch weiter befreundet sein und auch weiter zu Partys eingeladen werden. Wichtig ist, immer sich selbst und den anderen klar zu machen, welchen Hut man grade auf hat – und das auch zu kommunizieren. Zum Beispiel kann die Führungskraft sagen: ‚Ich als Mensch kann verstehen, dass du aus Grund XY heute früher gehen möchtest, aber als Chef muss ich dir sagen, dass das nicht geht, weil das Projekt heute fertig werden muss.‘ Sich über die eigene innere Motivation immer im Klaren zu sein, erfordert Selbstreflexion. Besonders herausfordernd ist das natürlich, wenn man aus dem Kreis der Kollegen zu deren Chef befördert wurde: Ein Erwartungsgespräch ganz offensiv selbst anzustreben, ist der beste Weg. So kann man den Elefanten, der im Raum steht, ansprechen und klar machen: Ich bleibe der gleiche Mensch, aber es wird dir nicht alles gefallen, was ich machen oder sagen muss. 

Das Interview führte Maria Zeitler

*Unsere Gesprächspartnerin: Janett Dudda hat 13 Jahre im eCommerce Teams geführt, im Startup als auch im Großunternehmen. Als selbständige Beraterin und externe HR-Business-Partnerin begleitet sie seit 2017 unter der Überschrift VOM FREUND ZUM CHEF Gründer:innen, Unternehmer:innen und Leiter:innen beim zeitgemäßen Umgang mit ihrem Team. Neben (remote) Leadership liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf dem Onboarding neuer Mitarbeiter:innen. Mehr Infos unter janettdudda.de