Essay von NWX22-Speaker Wolf Lotter

Die Diktatur des Bürokratiats

Alle halten sich für kreativ. Doch unsere Kultur produziert Verwalter am laufenden Band. Ein Essay des Transformationsexperten Wolf Lotter*.

Die Realität ist ein Witz, den man ernst nehmen muss. Auf einem Foto, das im Web kursiert, sieht man elf Männer auf einer Baustelle. Jeder von ihnen hat eine Bildlegende, in der steht, wofür sie zuständig sind. Der Erste sitzt entspannt. Das ist der Human-Resources-Manager.
Rechts neben ihm steht, die Hände locker in die Hüften gestemmt, der Marketing-Manager, daneben der Logistik- und der Communication-Manager, die sich dem Internal Supervisor zuwenden, der sich erschöpft auf einer Schaufel abstützt. Dahinter checkt der Security-Manager seine Mails, das macht auch der IT-Manager gleich nebenan, und der Project-Manager rechts von den beiden unterhält sich mit dem Product-Development-Manager, der seinen Fuß cool auf einem Erdhaufen abstützt. Den hat einer ausgehoben, der von all den anderen umringt wird, er steht in einem Loch und schaufelt und schwitzt. Auf der Bildlegende steht: Herbert.

Keine Pointe, die Wirklichkeit.

Vor einigen Wochen stellte ich auf Twitter eine These auf, die meine Wahrnehmung in der eigenen Branche ziemlich genau widerspiegelt: "Früher kamen auf einen Kreativen, also einen, der ein Problem anpackt und löst, neun Verwalter. Heute sind es 99." Kreative – das steht für Menschen, die bereit sind, Löcher zu graben, Lösungen zu erarbeiten, Probleme zu erkennen und aus der Welt zu schaffen, auch wenn das anstrengend ist.

"Früher kamen auf einen Kreativen, also einen, der ein Problem anpackt und löst, neun Verwalter. Heute sind es 99."

Kreativität ist kein Selbstzweck und keine leichte, sitzende Tätigkeit. Kreativsein ist harte Arbeit. Das italienische "creare", von dem unser Begriff für das Kreative stammt, bedeutet "schöpferisch", aber auch "wachsen lassen". Kreativität hat also etwas mit bewusster Entwicklung zu tun. Dabei geht es ums "Wollen, dass was weitergeht". Wissensarbeit eben.

Und klar: Gute Verwaltung strengt sich auch an, und sie trägt dieses Wollen auch in sich. Gute Verwaltung sorgt dafür, dass Krankenhäuser funktionieren und der Müll abgeholt wird, Kindergärten und Schulen ausgestattet sind und funktionieren, dass es Wasser, Gas und Strom gibt, nur so zum Beispiel. Gute Verwaltung ist gutes Management, das braucht man, um den Laden am Laufen zu halten, also dafür, dass anderes und andere sich entwickeln können.

Aber es gibt eine böse Schwester der guten Verwaltung, die ihr auf den ersten Blick sehr ähnlich schaut, die Bürokratie. Bürokratie ermöglicht niemanden etwas – außer sich selbst. Ihr Ziel sind der Selbsterhalt und der Status quo. Kreativität und Innovation stören nur. Faul ist die Bürokratie nicht, sie ist sogar fleißig darin, das Immergleiche zu tun. Aber sie löst dabei keine Probleme, sie verwaltet sie lieber.
Davon lebt sie.

99 Verwalter, ein Kreativer

Der deutsche Dichter Eugen Roth reimte sich das so zusammen: "Was bringt den Doktor um sein Brot? / a) die Gesundheit, b) der Tod / Drum hält der Arzt, auf dass er lebe, / uns zwischen beidem in der Schwebe."

Wo Roth noch an Ärzte dachte, die ihr betuchtes Publikum ausnahmen, wie es vor hundert Jahren ja gelegentlich vorgekommen sein soll, muss man heute weiter denken, viel weiter. Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat auf meinen Tweet – "99 Verwalter, ein Kreativer" – geantwortet: "Das ist die neue Care- und Controllingbürokratie. Die von @wolflotter erwähnten Verwalter verstecken sich hinter Bezeichnungen wie Fachreferent für medizinisches Versorgungswesen, Regionalkoordinator im Bildungsmarketing, Freiberufliche Zertifizierungsauditorin, Business-Mentor."
Bitte beachten Sie das Wort "verstecken".

Denn natürlich gibt es in all diesen Berufen auch gute Verwalter, ehrliche Makler ihrer Arbeit. Aber sie bieten, wer wüsste es nicht, eben Camouflage, Tarnung und Unterschlupf für Bürokraten. Die gibt es ja nicht nur in der öffentlichen Verwaltung. Die Bürokratie beherrscht auch die Wirtschaft, bis runter zum Kleinbetrieb, und zwar nicht nur als externe Bedrohung (das auch), sondern als hausgemachtes Übel. Es wimmelt nur so von Beauftragten und Zuständigen (m/w/d), die anderen die Welt erklären und die Regeln machen, während die immer verzagter versuchen, nur ihre Arbeit zu machen. Das war früher der Zweck der Übung, der Sinn der Arbeit. Mittlerweile aber ist "Sinn" etwas geworden, was über so profanen Dingen wie Machen steht. Wer nur seine Arbeit macht, ist irgendwie verdächtig.
Wo ist dein Sinn?
Deine Mission? 

Es wimmelt nur so von Beauftragten und Zuständigen (m/w/d), die anderen die Welt erklären und die Regeln machen, während die immer verzagter versuchen, nur ihre Arbeit zu machen.

Im Jahr 2018 erschien mit "Bullshit Jobs" des mittlerweile verstorbenen amerikanischen Ethnologen und Wirtschaftsprofessors David Graeber ein Buch, das diesen Zustand zu erklären versucht. Immer mehr Arbeit, schreibt Graeber, würde aus "Fake Work" bestehen, einer Arbeitslüge also, die keine Probleme löst und keinen Sinn ergibt. Den Machern der Arbeit wäre das bewusst. Massenhafte Frustration wäre die Folge. Weil aber der "Geist des Kapitalismus", wie Max Weber die protestantische Ethik der Arbeitspflicht für alle nannte, überall herrscht, muss man diesen Wahnsinn hinnehmen. So stehen nun immer mehr Menschen um Löcher herum, und es geht nichts mehr weiter.

 

Das erinnert an Hannah Arendts Thesen in ihrem Meisterwerk "Vita activa" aus dem Jahr 1958: "Was uns bevorsteht, ist eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?" Arendt sprach sich für ein selbstbestimmtes Leben aus und gegen das Mitlaufen im Hamsterrad. Der Arbeitsphilosoph Frithjof Bergmann griff diese Idee in seiner Theorie von New Work auf. Erst einmal müsse jede und jeder rausfinden, was sie/er "wirklich, wirklich will". Selbstbestimmung kommt von Selbstbewusstsein kommt von Selbstverantwortung.

Bei Graeber gibt’s das viel billiger. Er singt das hohe Lied der Care-Work. Das ergebe Sinn. Wenn wir von Kranken- und Altenpflegern reden, von Ärzten, Feuerwehrleuten und First Responders – dann stimmt das sicher. Doch "Kümmern" ist ebenso zum Wieselwort wie "Sinn" geworden. Wem nützt das Kümmern eigentlich am meisten? In vielen Fällen wird die ehrliche Antwort sein: den Kümmerern. Und weil zu viel Kümmern für Verkümmerte sorgt, wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die zur Neobürokratie maßgeblich beiträgt, im Namen des Guten, das nicht zur Diskussion stehen darf.

Kolonne der Putzerfische

Denn die Neobürokratie lädt sich moralisch auf und explodiert leidenschaftlich, wenn sie kritisiert wird. Wir alle wissen das. Am empörtesten sind stets jene, die auf frischer Tat ertappt werden, und damit das erst gar niemand wagt, wird gleich Theater gemacht und abgelenkt. "Haltet den Dieb!", heißt das. Es sind die Leute, die Herbert nicht nur zusehen, sondern ihm auch ständig Vorschriften machen, wie es richtig geht. Die Herbert-Umzingler haben ein feines Gespür für die Privilegien anderer Leute, während sie die eigenen als Dienst an der Menschheit ausgeben.

So entstehen ständig neue Putzerfische, die in Anzahl und Größe ihre Wirte langsam unsichtbar machen, 99 zu eins eben. Sie hängen sich in kreativen und produktiven Organisationen an Wissensarbeitende ran. Dazu kommt eine selbsterhaltende Bürokratie, die Compliance, die ständig neue Regeln und Gesetze gebiert: "Am Vormittag kommt die Rechtsabteilung, die Gleichbehandlungsbeauftragte, der Betriebsrat, am Nachmittag die Steuerberater, die Nachhaltigkeitsabteilung und die Agilitätsgruppe", so klagte ein Vorstand eines großen deutschen Unternehmens. Jeder weiß: Alle Gesetze, Vorschriften, Regeln, Richtlinien, einschließlich der selbst gewählten und stets neu hinzukommenden, müssen gewahrt werden – ein gewaltiges Geschäftsmodell, bei dem freilich kein Platz mehr bleibt für das, was man früher einmal euphemistisch die "eigentliche Arbeit" nannte.

Ohnmächtig taumeln die meisten Leute durch eine Welt, deren Zusammenhänge sie nicht mehr verstehen. Das alles nützt den Herbert-Umzinglern, sie leben davon. Die Entfremdung der meisten von den Umständen, in denen sie leben, ist ihr wahres Geschäftsmodell. Früher nannte man das: dumm halten.

Warum lassen sich die Herberts das gefallen? Einerseits ist es die Unfähigkeit, mit Komplexität – mit Vielfalt – konstruktiv umzugehen. Wir verwenden die alte Kulturtechnik der Industriegesellschaft in einer Wissensgesellschaft und sehen deshalb den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Hier braucht es eine Grund- und Allgemeinbildung für die neuen Zeiten, eben kein Fortführen einer Spezialistenkultur, die sich selbst kaum noch die Welt erklären kann, geschweige denn anderen.
Deren Problem ist evident: Sie kennt nur die eigene Agenda. Alle sind so wichtig. Auch dieses trügerische Gefühl kommt nicht von ungefähr.

 

Selbstüberschätzung

 

Die meisten Mitarbeiter der Verwaltung waren früher nicht leitende Juristen oder andere Spitzenbeamte, sondern einfache Sachbearbeiter, also Leute, die mit einer Schaufel ein Loch gruben, weil ihnen das so gesagt wurde. Das Loch war genug. Sie hatten nicht den Anspruch, dass ihre Arbeit die Welt verändern müsse. Und sie verlangten nicht, dass ihnen jeder zuhören und zustimmen musste.

Diese Selbstüberschätzung ist ein Wohlstandsproblem. Der Sozialpsychologe Abraham Maslow hat es vor sieben Jahrzehnten erklärt. Die Maslow’sche Bedürfnispyramide kennt eine Existenz- und eine Sicherheitsstufe und eine soziale Ebene. Auf der vierten Stufe aber lauern die individuellen Bedürfnisse, vor allen Dingen jene nach Anerkennung und Wertschätzung, nach Respekt. Diese Begriffe sind seit einigen Jahren zentral in der gesellschaftlichen Diskussion. Beim Versuch, auf die vierte Maslow-Stufe zu kommen, rutschen wir aus, fallen wir auf die Nase.

In Österreich hat sich laut statistik.at die Zahl der Akademiker in den letzten zehn Jahren um 70 Prozent erhöht, und das auf bereits hohem Niveau. Gut 1,1 Millionen Hochschulabsolventen gibt es in der Republik, eine Masse, die auch durch den industrialisierten Bologna-Prozess an der Universitäten erzeugt wurde, jene Bildung vom Fließband, mit der man vermeintlich bessere Berufs- und Karrierechancen verbindet.

Wichtig dabei ist: Wer eine höhere Bildung bekommt, kriegt nicht nur mehr theoretisches Spezialwissen verpasst, sondern auch andere soziale Ansprüche. Akademiker stehen im eigenen wie im Bewusstsein ihrer nichtakademischen Mitbürger in der sozialen Rangfolge weiter oben. Sie sind wichtig, das haben sie so gelernt. Diese Bedeutungskultur geht unmittelbar in eine Anspruchskultur über: Wenn man sich schon die Mühe gemacht hat, all die Jahre brav seine Prüfungen und Seminare zu erledigen, dann will man jetzt aber auch gehört werden. Respekt. Anerkennung. Wertschätzung, das wird in der Praxis ja oft so übersetzt: Alle mal herhören, ich weiß, wie es geht! Jetzt bin ich dran!

Wer sagt es ihnen?

Nein, sie wissen es nicht – und nein, sie sind nicht "dran". Aber wer sagt es ihnen? Niemand, denn das, was die Bildungsfabriken eben auch hergeben, ist neben dem trügerischen Gefühl, zu den Besserwissenden zu gehören, vor allen Dingen reproduziertes Wissen, also nicht Know-how, kreatives, schöpferisches, konstruktives Wissen, das auch gegen Widerstände nach Denkalternativen und Innovationen sucht, sondern eben Schulwissen, manchmal besseres Schulwissen, aber nie mehr. "Memorization is not learning", wusste der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman.

Doch wissen das auch die Bildungsbürokraten? Die, die brav auswendig lernen und lernen lassen? Denn auch das ist Bürokratie: die Wiederholung, die Routine des Bestehenden, die ja, machen wir uns nichts vor, längst an den Universitäten das Sagen hat. Noch vor einigen Jahrzehnten waren die Quästoren der Universitäten – die Finanzabteilungen – die Dienstleister der Professorinnen und Professoren und des gesamten Personals sowie aller Studierenden. Heute sind sie die Machthaber, das Management, das den Hochschulbetrieb stärker bestimmt als jeder Lehrstuhlinhaber es konnte oder könnte.

Auch das ist Bürokratie: die Wiederholung, die Routine des Bestehenden, die ja, machen wir uns nichts vor, längst an den Universitäten das Sagen hat.

Absurderweise wird diese Entwicklung einem Phantom zugeschrieben, das man Neoliberalismus nennt – einer dieser Bedeutungscontainer, in denen heute ein unbestimmtes Gefühl entsorgt wird. Dabei ist es der Triumph der Bürokraten, die die Hochschulen und das Studium so entwertet haben. Die, nicht wollen, dass was weitergeht, Fließbandbildung verkaufen, das von Fließbanddenkern verbreitet und durch ein bissl Moralisieren verhübscht wird. Das ist nicht originell, kreativ. Es ist das Gegenteil davon.
Natürlich halten sich all diese Duracell-Häschen des Immergleichen für Kreative, weil sie sich das gegenseitig erzählen. Wären sie es wirklich, Widerstände würden sie umgeben, denn niemand mag die Kreativen und Innovativen in dieser Welt wirklich, wo sie die Kreise des Immergleichen, den Betriebsablauf, stören. Aber sie wissen nicht einmal das, diese Getäuschten und Selbsttäuscher. Armselig.

Nein, das ist keine Wissensgesellschaft, sondern viel eher jener Superindustrialismus, den der Zukunftsforscher Alvin Toffler in den 70er-Jahren dem Konsumkapitalismus vorhersagte. Diejenigen, die "das System" am heftigsten kritisieren, sind auch die, deren Mittel und Möglichkeiten zu einer Verbesserung der Lage besonders beschränkt sind. Bessermachen ist selten, Besserwisser und Wichtigmacher gibt es hingegen umso mehr. In diesem Klima wird Respekt und Anerkennung mit dem Recht auf Aufmerksamkeit verwechselt.
 

Georg Franck hat in seinem famosen Werk Ökonomie der Aufmerksamkeit geschrieben: "Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz." Nicht erst die sozialen Netzwerke haben die Gier nach Ruhm angeheizt. Das tun Marketing, Werbung, Politik und eine Alltagskultur, die so tut, als ob alle gleich wären – nicht nur die Rechte betreffend, sondern auch die Talente. So kommt es, dass die Normalos auch kreativ sein sollen und wollen. Doch das kriegen sie nicht hin.

Niemand genügt sich mehr in der Rolle, nur seine Routinearbeit zu machen.

Niemand genügt sich mehr in der Rolle, nur seine Routinearbeit zu machen. Überall wird nach unentdeckten Potenzialen gefahndet. Doch was, wenn auch diese Potenziale nicht existieren? Wäre es nicht viel klüger, einfach zu sagen: Lasst die Kreativen in Ruhe – und die Routinearbeiter auch. Jede und jeder, wie sie oder er kann. Das wäre klug. Tatsächlich aber spielen sich geistlose Funktionäre als Ideengeber auf – und halten die, die wüssten, was wo wie weitergeht, vom Arbeiten ab.

Ehrliche Führung

Nun sind auch die Herberts, die Kreativen, die Problemlöser, nicht frei von Schuld. Wer sich selbst überfordert, durch Optimierung und Effizienz die letzte Luft aus dem Leben gepresst hat, kann nicht mehr angehen gegen all den Unsinn, den die Neobürokratie verbreitet. Alle sind ermattet, nicht erst seit Corona und den Kriegsherren im Kreml. Nominell arbeiten wir alle so wenig wie nie zuvor. Aber das heißt nichts. Denn jede Arbeitszeitverkürzung, jeder neue Urlaubstag wird durch neue Arbeitsverdichtung bezahlt, teuer, zu teuer. Wo alle fertig sind vom Alltag, wird auf Innovation und Veränderung gepfiffen – das auch noch?! Die Menschen leisten passiven Widerstand, indem sie das Innovationspensum einfach ignorieren. Kreative brauchen Luft. Weil sie Menschen sind. – Was tun?

Das Wichtigste wäre, dass Führungskräfte ehrlich zu sich selbst sind. Sie müssten die Kreativen von den Bürokraten trennen. Der deutsche Berater Gerhard Wohland empfahl vor einigen Jahren gar, den Höchstleistern unter den Wissensarbeitern in der Organisation einen "Bunker" einzurichten. In jedem anderen Fall würden sie von den Verwaltern gegängelt und aus dem Haus getrieben. Es braucht also geschützte Räume. Das zeigt, wie groß das Problem ist. Gegen Wohlands Theorie spricht, dass die internen Labs und Thinktanks in Unternehmen regelmäßig scheitern. Bürokratie ist hochansteckend. Fest steht nur: Wo man Innovative und Kreative unter Naturschutz stellen muss, damit sie arbeiten können, sind wir von der Wissensgesellschaft weit entfernt. – Was tun?

Am nachhaltigsten wäre es wohl, wenn Kreative Kreative einstellen würden, ohne dass Neid und Konkurrenzdenken entsteht, sondern nüchternes Kalkül die Entscheidung trägt. Steve Jobs, der charismatische Apple-Gründer, fand: "Es macht keinen Sinn, kluge Leute einzustellen und ihnen zu sagen, was zu tun ist. Wir stellen kluge Leute ein, die uns sagen können, was zu tun ist."

So ähnlich hielt es auch der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy, der sinngemäß meinte, er stelle nur Leute ein, die mehr wüssten als er – alles andere mache keinen Sinn. So viel Pragmatismus ist in einer satten Wohlstandsgesellschaft, die sich viele Bürokraten leisten kann, weil es eh um nichts geht, selten. Doch das ändert sich gerade. Die Zeitenwende ist auch eine, in der klar wird, wer Probleme löst und wer sie bloß moderiert. Dann braucht man die, die sich anstrengen, dass was weitergeht – und nicht so bleibt, wie es nicht bleiben kann. Die ihre Schaufel selber in die Hand nehmen. Mal sehen, wer da noch dumm rumsteht.

*Dieser Text wurde zuerst im STANDARD aus Wien veröffentlicht. Wir publizieren ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Standard-Redaktion. Herzlichen Dank.

*Wolf Lotter ist Autor, regelmäßiger STANDARD-Essayist und Transformationsexperte. Im April ist sein Buch "Unterschiede. Wie Vielfalt mehr Gerechtigkeit schafft" in der Edition Körber erschienen. Auf der New Work Experience 2022 am 20. Juni in der Hamburger Elbphilharmonie wird Wolf Lotter als Speaker und Mitdiskutant in unserer NEW WORK Town Hall Debatte auftreten. Freut Euch auf seine scharfsinnigen Argumente und intelligenten Witz. Hier gibt es alle Infos zum Programm und die Tickets: