Starpianist Alexander Krichel auf der NWX22

"Die moderne Arbeitswelt kann viel von der Kunst lernen"

Alexander Krichel hat auf der NWX22 ein Heimspiel - im wahrsten Wortsinn: Der 33-jährige Ausnahmepianist ist in Hamburg geboren und wohnt inzwischen ganz in der Nähe der Elbphilharmonie. Der weltweit gefeierte Künstler, der sein Instrument ebenso virtuos wie gefühlvoll beherrscht, wird auf der NWX22 eine ganz besondere Weltpremiere präsentieren: In Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Roshanak Khakban führt Krichel Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung” nicht nur klanglich, sondern auch visuell im großen Saal der Elphi auf. Vor seinem Auftritt gab Krichel dem NWX Magazin noch ein Interview über Kunst, Corona und seine Verbindung zu New Work.

Endlich wieder Live-Auftritte vor Publikum: Wie empfanden Sie diesen Neustart?

Alexander Krichel: Es war für mich eine richtige Befreiung, endlich wieder Konzerte in vollen, ausverkauften Häusern spielen zu können. Man fühlt sich fast so, als hätte man sein altes Bühnenleben wieder und es ist doch einfach ein tolles Gefühl, mit einem Saal voller Menschen gemeinsam Musik zu erleben. Natürlich habe ich aber auch während der Pandemie versucht, Wege zu finden, über meine Kunst mit meinem Publikum in Kontakt zu bleiben. Das fing an mit dem weltweit ersten Autokino-Klassikkonzert, das vom  WDR aufgezeichnet wurde. Später wurde das Konzert dann auch von arte und 3Sat ausgestrahlt. Ein weiteres Projekt war ein Live-Videotagebuch auf Youtube aus meiner 14-tägigen Hotelzimmer-Quarantäne in Hong Kong. Das waren sehr interessante Erfahrungen, aber es ist natürlich nichts vergleichbar mit einem Konzert mit echtem Publikum im gleichen Saal. Magie entsteht dann, wenn das Publikum und die Künstler gemeinsam die Musik erleben - in Raum und Zeit vereint.

Wie haben Sie die Pandemie als Künstler überstanden?

Alexander Krichel: Ich bin dankbar und hatte großes Glück, zu den Künstlern zu gehören, denen es vergleichsweise gut ging während der Pandemie. Einerseits, weil ich über die oben genannten Projekte auf alternativen Wegen mit meiner Musik weiter ein Publikum erreichen konnte, andererseits aber auch, weil ich dann, wenn es möglich war, immer wieder von Veranstaltern oder Orchestern eingeladen wurde und auftreten konnte. Dadurch habe ich nie den Bezug zum Konzert mit Live-Publikum verloren oder vergessen, wie sich das anfühlt. Das passiert tatsächlich schneller, als man es sich vorstellen kann! Unbekannte Künstler hatten es da deutlich schwieriger, die meisten Veranstalter haben in diesen Zeiten auf “sichere Namen” gesetzt, bei denen sie zuversichtlich waren, dass diese trotz der Bedenken des Publikums Menschen in den Saal ziehen.

Haben die vergangenen zwei Jahre auch etwas an Ihrer Musik geändert?

Alexander Krichel: Wenn man praktisch die ganze Zeit unterwegs auf Tour ist, kann auch schon mal ein gewisser Automatismus eintreten. Klar, so spart man Zeit und ist effizient. Auf der Bühne passiert mir das zum Glück nie, da bin ich immer achtsam und lebe den Moment mit der Musik; sie ist auch viel zu emotional, als dass dort für mich etwas “passiv” passieren könnte. Dennoch: Beim Drumherum, beim Reisen, beim Planen, etc. habe ich gemerkt, dass ich an vielen Stellen aufgehört habe, wirklich wahrzunehmen und bewusst Dinge zu tun. Als auf einmal vor gut zwei Jahren alles abgesagt wurde und ich richtig Zeit hatte, habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, zu hundert Prozent ohne Druck und ohne externen Antrieb jeglicher Art zu arbeiten und einfach jeden Tag die Musik zu spielen und zu üben, die sich für mich gerade richtig und passend anfühlt. So etwas ist in einer Branche, in der teilweise drei Jahre im Voraus geplant wird, nicht leicht, aber ich habe mir fest vorgenommen, zu versuchen, aus dieser Erfahrung etwas mitzunehmen in die Zeit nach der Pandemie.

Was sind Ihre aktuellen Projekte?

Alexander Krichel: Es freut mich zunächst natürlich vor allem, wieder mehr oder weniger ohne Einschränkung die ganz großen Klavierkonzerte mit Orchester zu spielen - aktuell in den nächsten Wochen und Monaten viel Beethoven, Chopin und Rachmaninoff. Wenn die Musiker im Orchester und auch ich als Solist nicht mehr die großen Sicherheitsabstände einhalten müssen, wird das Musikmachen doch noch eine Spur intimer, man hört die Kollegen atmen, man spürt ihre Energie noch stärker und das Gesamterlebnis wird viel intensiver.
Ein weiteres wichtiges Projekt ist in diesem Jahr die Aufnahme meines neuen Albums, das im Frühjahr 2023 erscheinen wird. Außerdem werde ich nach meiner Hong Kong-Erfahrung und dem letzten Konzert dort, das nur vor Kameras stattfinden konnte, im Herbst erneut nach Asien reisen, um unter anderem eben in Hong Kong vor Publikum aufzutreten. Es ist schon skurril, wenn man überlegt, dass man dort eine Fanbase aufbauen konnte, die einen zum Großteil bisher noch nie live erlebt hat, sondern nur von Youtube kennt.

Ein Auftritt auf einer Veranstaltung wie der NWX ist sicherlich auch für Sie (mal wieder) etwas Besonderes. Wie sehen Sie auf das Thema Moderne Arbeitswelt?

Alexander Krichel: Meiner Meinung nach - und als selbstständiger, freischaffender klassischer Musiker sehe ich mich bei der Thematik schon ein wenig als “Außerirdischer” - entwickelt sich die Moderne Arbeitswelt zur Zeit vielerorts in die richtige Richtung. Hierarchien werden in vielen Bereichen aufgebrochen und flacher, man traut seinen Mitarbeitenden und Kolleginnen und Kollegen mehr zu. Es ist ihnen oft erlaubt, vielleicht ist es manchmal sogar erwünscht, verrückt zu sein und out of the box zu denken. Vielleicht kann die Moderne Arbeitswelt da auch von der Kunst lernen, die Erkenntnis hatte ich mehrfach mit Freunden, die als Unternehmensberater tätig sind. Im Endeffekt hat meiner Meinung nach jeder Mensch das Potenzial zum Künstler, es ist immer die Frage, wie viel er oder sie abhängig von persönlichen Erfahrungen und individueller Biographie davon in seinem alltäglichen Entscheidungs- und Gefühlssystem zulässt. Freiheit kann für einige Menschen auch ganz schön beklemmend sein. Dennoch: Freiheit zu geben und damit Vertrauen in seine Mitarbeitenden zu haben, ist die beste Förderung - nicht nur fürs Team selbst, sondern für das ganze Unternehmen.

Sie werden auf der NWX eine Weltpremiere präsentieren. Können Sie schon ein bisschen was dazu verraten?

Alexander Krichel: Sehr gerne! Das Thema passt eigentlich sogar sehr gut zur vorherigen Frage. Auf meinem letzten Album habe ich die “Bilder einer Ausstellung” von Modest Mussorgsky aufgenommen, wahrscheinlich sind der Gnom, das alte Schloss oder die Hexe Baba-Yaga noch einigen aus dem Musikunterricht bekannt. Um mit dieser wirklich ausdrucksstarken und menschlichen Tonsprache noch mehr Menschen emotional zu erreichen, habe ich mich mit meiner guten Freundin, der iranischen Videokünstlerin Roshanak “Roshi” Khakban, die ich während meines Studiums in London kennengelernt habe, zusammengetan und gemeinsam mit ihr eine abstrakte multisensorische Reise durch Mussorgskys Bilder kreiert. Roshi ist visuelle Künstlerin und hatte vorher wenig Berührungspunkte mit Musik, ich musste sehr oft einfach darauf vertrauen, dass sie trotzdem das, was die Musik transportiert, versteht, und entsprechend frei in ihrer Kunst sein kann, das dann auch authentisch ins Visuelle zu übersetzen und passend darzustellen. Bei unserer Arbeit wird manchmal die Musik paraphrasiert, manchmal polarisiert und manchmal sogar kontrapunktiert. Wir haben versucht, nicht plakativ zu sein, was Rhythmus und Melodie angeht, sondern die Essenz zu spiegeln: die Tiefe und die echte Emotion dieses gigantischen Meisterwerks. Ich bin sehr gespannt, wie das auf das Publikum in der Elbphilharmonie wirkt!

Noch gibt es einige Tickets für die NWX22 am 20. Juni in Hamburg. Hier gehts zum Shop.