Interview mit Leonie Müller über die Zukunft der Mobilität

Montag, 21. Juni 2021

"Wir müssen flexible Arbeit noch größer denken"

Als Leonie Müller von ein paar Jahren im Rahmen eines ganz persönlichen Mobilitätsexperiments ihre Wohnung gegen die BahnCard 100 eintauschte, 18 Monate im ICE "zuhause" war und im Anschluss ein sehr erfolgreiches Buch über ihre Erlebnisse schrieb, wurde sie auf einen Schlag zur prominenten Vertreterin einer Generation, die Zeit und Ort von Arbeit neu definiert. Mittlerweile berät sie als gefragte Expertin Unternehmen zum Thema neue Arbeitswelten und spricht auch als Rednerin bei Events darüber: So auch bei der "Circle Conference" in Zürich am 1. Juli*, wo sie ein Referat mit dem Titel "Die Neuentdeckung der Mobilität: Ein unterschätztes Phänomen" halten wird. Im Interview mit dem NWX Magazin erklärt Leonie Müller, warum "New Mobility" die Arbeitswelt nach Corona weiter verändern wird, weshalb unser aller Zukunft "multilokal" wird - und was es mit ihrem eigenen neuen Mobilitätsprojekt auf vier Rädern auf sich hat.  

Leonie, wie und wo hast Du als prominente „digitale Nomadin“ die Corona-Pandemie erlebt?

Leonie Müller: Mitte März 2020 kam ich notfallmäßig mit einem der letzten Flugzeuge aus Kalifornien zurück und ging zwei Wochen mit meinem Partner in Quarantäne. Danach starteten wir eine familiäre Corona-Homeoffice-WG in meinem Elternhaus. Über den Sommer war ich unterwegs, im Winter dann wieder dort. Über die Monate entwickelte ich eine Idee für eine nomadisches Nachfolgeprojekt meiner BahnCard-Zeit: den "New Work Van". Dieses Frühjahr habe ich einen 7-Meter-Transporter gekauft, den ich zu einer Mischung aus Wohnung, Coachingraum und mobilem Zentrum für Neue Arbeit ausbaue und in dem ich ab 2022 fulltime unterwegs sein werde. Gerade bin ich über den Sommer mehrere Monate mit der Betaversion auf Testfahrt.

Was wird von den Erfahrungen der Pandemie in Bezug auf unsere Arbeitswelt bleiben? „Nur“ das Homeoffice?

Leonie Müller: Das Thema Homeoffice ist wichtig, aber wir müssen es noch größer denken: Es geht um flexible Arbeit in all ihren Formen, orts- und zeitflexibel, wo möglich und erwünscht. Denn sehr viele Erwerbstätige haben jetzt endlich selbst erfahren, welche Vorteile mobiles Arbeiten bringt. Auch beim Thema systemrelevante Berufe, ihre Attraktivität und Zukunftsfähigkeit sollten wir das aktuell gesteigerte Bewusstsein dafür konstruktiv nutzen. Im Bereich Produktion geht die Tendenz seit letztem Jahr dahin, die Abhängigkeit von anderen Ländern zu verringern. Auch das dürfte ein längerfristiger Trend bleiben. Ich hoffe, dass wir auch die fehlende Digitalisierung des Staats- und Bildungssystems nun endlich vorantreiben.

Du berätst auch Unternehmen in Fragen von Mobilität und Arbeitsplatz. Was sind denn deren meist gestellte Fragen derzeit?

Leonie Müller: Wie sie die ungeplant-erzwungene Erfahrung des Corona-Homeoffice in ein langfristiges und nachhaltiges Konzept für mobile Arbeit überführen können. Mobile Arbeit hat viele Vorteile, aber wie gestalten wir sie aktiv so, dass hybride Zusammenarbeit langfristig gelingt? Dabei unterstütze ich. Auch für das Employer Branding wird die Relevanz jetzt stärker wahrgenommen: Pauschal Büro oder pauschal Homeoffice kommt in der Belegschaft nicht gut an.

Du verwendest seit einiger Zeit den Begriff „multilokal“ wenn Du über die Zukunft der Gesellschaft sprichst. Was genau ist damit gemeint?

Leonie Müller: Multilokalität beschreibt die Mischung aus sesshaftem Wohnen und nomadischer Alltagsgestalltung. Der wissenschaftliche Fachbegriff dazu beschreibt es ziemlich gut: Ortspolygamie. Wir leben an vielen verschiedenen Orten, weil sie Funktionen erfüllen und wir Beziehungen zu und an diesen Orten führen - zu Freunden, Familie, zur Arbeit, Weiterbildung und Freizeit.

Wird die Sesshaftigkeit, also das Verweilen an einem Ort, also immer weiter zurückgehen?

Leonie Müller: Jein. Wir werden auf absehbare Zeit eine sesshaft wohnende Gesellschaft bleiben, gleichzeitig leben und arbeiten wir schon viel mobiler, als es uns bewusst ist und auf dem Papier steht. Es geht mir um die Angleichung dieser Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität, und darauf aufbauend der aktiven Gestaltung der Zukunft.

Du definierst Mobilität aber auch viel weiter als nur die Bewegung von Menschen. Was gehört noch alles dazu?

Mobilität ist das entscheidende Merkmal unserer modernen Gesellschaft und Wirtschaft. Dazu zählt die Bewegung von Menschen, Gütern, Daten und Ideen. Diese greifen ineinander, manche bedingen sich gegenseitig, andere ergänzen sich.

Warum gehören New Work und Mobilität für Dich absolut zusammen?

Leonie Müller: Weil ein Drittel unserer Mobilität in Deutschland aus Wirtschaftsverkehr besteht: Waren, die transportiert werden, und Menschen, die beruflich unterwegs sind. Zum Beispiel kann die Mobilität von Daten die (unfreiwillige) Mobilität von Menschen verringern - siehe am Beispiel remote work und Homeoffice.

Im Moment ist viel von den sogenannten Third Places die Rede, also Orten, an denen Leben zwischen Arbeit und Wohnen stattfinden soll. Was denkst Du darüber?

Leonie Müller: Die Third Places sind bereits wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft, aber im Kontext von Unternehmen noch oft übersehen und nicht berücksichtigt: Damit sind öffentliche Gemeinschaftsorte gemeint, die vielfältige Funktionen erfüllen, wie Bibliotheken, Cafés und Restaurants, Parks und auch Coworking Spaces. Für mich als Selbstständige und Nomadin sind diese Orte oft Grundlage meiner Arbeit, manchmal willkommene Abwechslung. Es wäre toll, wenn sich Unternehmen weiter dafür öffnen, dass ihre Mitarbeitenden auch von dort arbeiten können - was manche ja inoffiziell sowieso bereits ab und zu tun.

Wie sieht für Dich die perfekte - mobile -  Zukunft aus? Und was ist dafür noch nötig?

Leonie Müller: In der perfekten mobilen Zukunft haben wir es geschafft, die Arbeitswelt so flexibel zu gestalten, dass jeder je nach Lebensabschnitt, Tagesstimmung und Bedürfnissen seinen Arbeitsalltag möglichst individuell gestalten kann. Wo arbeite ich heute, wann, wie lange und woran? So können wir es schaffen, viele individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen besser zu meistern, zum Beispiel den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel. Was wir dafür tun müssen? Den Schwung und die Erkenntnisse der Coronazeit nutzen!
 

Interview: Thorben Hansen

 

*Veranstaltungshinweis: "The Circle Conference" ist die erste grosse Messe mit Publikum in der Schweiz nach Ausbruch der Covid-Pandemie. Sie findet am 1. Juli im neu eröffneten «The Circle Convention Center» am Flughafen Zürich statt. Viele bekannte Referent:innen diskutieren dort auf Vorträgen, in Panelrunden und Workshops nicht über die Zukunft des Kongress- und Eventbusiness, sondern auch über Themen wie New Work, neue Arbeitswelten, Kommunikation, Führung und Mobilität. Veranstaltet wird die Messe unter Einhaltung eines strengen Schutzkonzeptes und mit begrenzter Besucherzahl. Erwartet werden 800 bis 1000 Besucherinnen und Besucher. Der Eintritt ist kostenlos. XING und die NEW WORK SE sind Partner der Konferenz. 

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