Interview mit Vera Schneevoigt / CDO Bosch Building

"Wir müssen lernen, uns besser anzupassen"

Vera Schneevoigt* ist Chief Digital Officer (CDO) bei Bosch Building Technologies und leitet die Entwicklungsabteilung des Geschäftsbereichs Gebäudetechnik. Sie ist gefragte Expertin, wenn es um IoT, Industrie 4.0 und digitale Transformation geht. Im Interview mit dem NWX Magazin erklärt Vera Schneevoigt , warum wir neue Nutzungskonzepte für Gebäude brauchen, wie uns mehr Selbstverantwortung in der Arbeitswelt voranbringt - und wieso Frauen New Work als Chance für ihren Einstieg in digitale Berufe begreifen sollten. 

NWX Magazin: Frau Schneevoigt, als Chief Digital Officer besetzen Sie einen relativ neuen Berufszweig. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Vera Schneevoigt: Der CDO ist ein Berufsbild mit ganz verschiedenen Ansätzen. Bei mir liegt der Schwerpunkt auf der Gebäudetechnologie. Dabei geht es nicht nur darum, wie wir zukünftig in Gebäuden arbeiten, sondern auch um Umweltschutz, Produktivität, und Arbeitsbedingungen. Kurz gesagt: Ich bin für Wandel und Veränderung verantwortlich. 

Und worin genau besteht für Sie die größte Herausforderung?

Vera Schneevoigt: Ich versuche das Thema Digitalisierung ganzheitlich zu betrachten. Eine große Herausforderung besteht aber sicherlich darin, die Menschen bei dieser Veränderung zu begleiten. Denn wir sind von Natur aus, nicht spontan bereit uns zu verändern. Das ist auch eine Frage des Kulturraums: Im deutschsprachigen Raum neigen wir beispielsweise eher dazu, Risiken statt Chancen zu sehen. Veränderung wird viel schneller als Bedrohung gesehen. Das mag auch daran liegen, dass Daten unsichtbar sind. Menschen können sich sehr viel schneller mit einem Produkt identifizieren das man anfassen kann. Und das ist bei Daten nun mal nicht der Fall. 

Also müssen wir lernen, flexibler zu denken?

Vera Schneevoigt: Ja genau. Wir Menschen sehen vieles noch zu funktional. Gebäude wie Flughäfen oder Shopping-Center haben zum Beispiel immer nur einen ganz bestimmten Nutzen für uns. Durch Corona und die Pandemie aber haben diese Gebäude plötzlich ihren Sinn verloren, weil ein externer Faktor sie quasi zum Erliegen gebracht hat. Und nun ist es eine wesentliche Aufgabe von New Work und digitaler Transformation, dass wir überlegen, wie sich Gebäude anderweitig nutzen lassen. So könnte man beispielsweise an Orten mit großer Wohnungsnot brachliegende Flughäfen mit Studentenwohnungen oder Coworking Spaces neu beleben. Seit der Pandemie ist offensichtlich, wie wichtig Flexibilität geworden ist. Wir müssen lernen, uns zukünftig besser anzupassen.

Wie kann es gelingen, dass wir uns trotz vermehrter künstlicher Intelligenz als Arbeitnehmer noch gebraucht und wertvoll fühlen?

Vera Schneevoigt: Das liegt ganz an uns, wie wir damit umgehen. Künstliche Intelligenz hat ja schnell diesen Science-Fiction-Charakter. Sicherlich ist Science-Fiction sehr nah an der Realität - aber was Moral, Werte und Ethik betrifft, so sind wir den Maschinen weit voraus. Ich verstehe, dass irrationale Ängste und Vorstellungen herrschen, das ist menschlich. Aber wir müssen uns mit der Realität auseinandersetzen. Wir werden ja nicht ersetzt, stattdessen bietet die Digitalisierung viele Benefits. Im Grunde sollten wir uns fragen: Warum interessiert uns nur das Negative? Und wie schaffen wir es, unseren Blickwinkel zu ändern? Wir sollten erkennen, dass Technologie einen Sinn hat. Sie unterstützt uns, wenn wir das vernünftig und gemeinsam angehen. 

Sind virtuelle Teams eine gute Möglichkeit um gemeinsam Entscheidungen zu treffen?

Vera Schneevoigt: Ja, denn sie verbinden unsere Lebens- und Arbeitswelten optimal. Während der eine vielleicht besser im Café arbeiten kann, setzt sich der andere fürs Meeting auf die Wiese. Und das funktioniert, weil Internet ja fast überall verfügbar ist. So ist es möglich, dass New Work einerseits komplett individualisiert abläuft, während wir gleichzeitig intensiv zusammenarbeiten. Natürlich verschwimmen da plötzlich Lebenswelten, was ein großes Problem für uns Deutsche ist, da wir uns nicht gern in unser Privatleben schauen lassen. Im virtuellen Meeting aber sehen die Kollegen plötzlich unser Homeoffice, und wie wir dort wohnen. Deswegen haben sich so schnell virtuelle Hintergründe etabliert. Und das ist vollkommen ok, es muss ja nicht alles vollkommen transparent sein. 

Sehen Sie Möglichkeiten wie digitale Transformationsprozesse dabei helfen können, die IT-Branche für Frauen attraktiver zu machen? 

Vera Schneevoigt: New Work hilft enorm. Als Frau kann ich mein Privatleben dank digitaler Technologien mit meinem Beruf leichter vereinbaren. Arbeitsabläufe, Techniken und Denkarbeit können von jeder Stelle aus geleistet werden. IT ist zudem längst nicht mehr IT im veralteten Sinne. Heutzutage sitzt ja niemand mehr in einem Rechenzentrum und wechselt Bänder aus. Stattdessen hat sich IT zu einem Bestandteil unserer gesamten Arbeitswelt gewandelt. Das ist der Kern von New Work. Weil es keine zerteilte, sequentielle Form der Arbeit ist, sondern eine ganzheitliche. Und da haben Frauen große Vorteile, weil sie eh eine ganzheitliche Rolle in ihrer Familie oder Beziehung spielen.

Remote Work ist seit Corona sehr gefragt. Laut aktuellen Studien befürworten jedoch nur rund 30 Prozent der deutschen IT-Mitarbeiter dieses Arbeitsmodell. Einer der Hauptgründe sei der mangelnde persönliche Austausch. Wie lässt sich der Wunsch nach mehr persönlicher Kommunikation mit New Work vereinen?

Vera Schneevoigt: Über hybride Arbeitsmodelle. Im Idealfall sollten wir bei der Fünftagewoche bleiben, die ja der Standard unserer Arbeitswelt ist. Jedoch müssen gemeinsam Arbeitsmodelle gefunden werden. Wenn es beispielsweise für jemand wichtig ist, sich mit Kollegen zu treffen, dann könnte er drei Tage Homeoffice machen, und dort sehr konzentriert und ungestört arbeiten. Für die anderen zwei Tage organisiert er das Zusammensein und sorgt dafür, dass dann alle anderen ebenfalls vor Ort sind. Das heißt aber auch, dass in diesem Kontext viel mehr Eigenverantwortung übernommen werden muss. Denn wenn ich in meinem Arbeitsumfeld mehr mitbestimmen möchte, muss ich bereit sein, mich individuell einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. 

Individuelle Wünsche stehen auch bei der Gestaltung von Büroräumen im Vordergrund. Wohin geht der Trend im Bereich Smart Office?

Vera Schneevoigt: Zukünftig haben Gebäude eine neue Bestimmung und sind sehr individualisiert. Die Gebäudetechnologien werden uns vor allem bei Tätigkeiten unterstützen, die unnötig Zeit kosten. So kann ich mir zum Beispiel pünktlich zu meinem Termin einen Raum buchen, oder digital anmelden, dass der Lift rechtzeitig kommt. Das Gebäude kann dank machine learning und KI intuitiv vorempfinden was der Nutzer sich wünscht. Und auch Sicherheit ist ein großes Thema, schließlich „lebt“ ein Gebäude 100 Jahre und mehr, deshalb braucht es ein Sicherheitssystem, das auf Erdbeben und andere Katastrophen vorbereitet ist. Kurzgefasst würde ich sagen: Gebäudetechnologie ist wie ein großes Alexa, nur sicherer. 

Das Interview führte Sonja Grube

*Zur Person: IT-Managerin Vera Schneevoigt treibt seit 2019 bei Bosch Technologies als CDO die Themen Kommunikation, Zusammenhalt und Transformation voran. Ihr beruflicher Werdegang beeindruckt: rund 30 Jahre war die aus dem Westerwald stammende Tochter eines Schweißers an der Führungsspitze von Siemens tätig, bevor sie als Geschäftsführerin und Executive Vice President bei Fujitsu Technology Solutions die Bereiche Entwicklung, Produktion, Logistik und Einkauf leitete. In ihrer Rolle als Digitalisierungsexpertin ist die gelernte Industriekauffrau zudem gefragte Politik-Beraterin. 

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