NWXnow Videocast mit Dirk Müller-Remus

Autistische Menschen in der IT: So helfen „Andersdenkende“ Unternehmen

„Viele Unternehmen haben das Thema Diversität für sich entdeckt. Der Schwerpunkt liegt aber bisher nur auf Geschlecht, Alter, Herkunft, Glaube oder sexueller Orientierung", kritisiert Dirk Müller-Remus, der als Gründer der Beratungs- und Vermittlungsagenturen Auticon und Diversicon bekannt geworden ist. Im Videocast mit Lisa Nölting und Marc-Sven Kopka erklärt er, dass jene Menschen viel zu wenig beachtet werden, die sich durch ihr besonderes Denken, Fühlen und Wahrnehmen von anderen unterscheiden. Der Fachbegriff hierfür lautet Neurodiversität.

Diverse Teams arbeiten erfolgreicher und bringen innovativere Ideen hervor. Das volle Potential ist jedoch laut Dirk Müller-Remus noch nicht ausgeschöpft: Unternehmen brauchen auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Spektrum der Neurodiversität, sagte er. Darunter versteht man Menschen mit Autismus, ADHS, Lese- und Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie – die Müller-Remus auch Andersdenker nennt. „In jedem Team, das in irgendeiner Weise mit Innovation zu tun hat, sollte mindestens ein Andersdenker oder eine Andersdenkerin dabei sein“, sagt er.

Nach verschiedenen Stationen in der Geschäftsführung bei Unternehmen veränderte sich sein Fokus im Jahr 2007, als bei einem seiner Kinder Autismus diagnostiziert wurde. Er beschäftigte sich verstärkt mit dem Thema und gründete 2011 das IT-Beratungsunternehmen Auticon, das ausschließlich autistische IT-Spezialistinnen und -Spezialisten einsetzt und bis heute erfolgreich am Markt ist. Auticon gewann 2015 den New Work Award in der Kategorie KMUs und Start-ups.

Die desolate Situation von autistischen Menschen in der Arbeitswelt und die Parallelen zu ADHS, Lese- und Rechtschreibschwäche und Dyskalkulie führten Dirk Müller-Remus zur Idee des Unternehmens Diversicon: 2017 brachte er den Personaldienstleister für Menschen aus dem Spektrum der Neurodiversität an den Start.

Daneben ist Dirk Müller Remus seit vielen Jahren auch als Coach und Keynote-Speaker tätig: Bei großen Unternehmen wie Vodafone oder Siemens, aber auch bei Banken und Mittelständlern setzt er sich erfolgreich dafür ein, das Talent neurodivergenter Menschen nicht länger zu unterschätzen: „Ich empfinde es als meine Mission, Andersdenker von Außenseitern zu Gestaltern der Zukunft zu entwickeln, sie in bestehende Teams zu integrieren und damit die Innovationsfähigkeit von Unternehmen zu verbessern“, sagt er. Denn es gehe nicht nur um Arbeitsplätze für neurodivergente Menschen, sondern um den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen: Andersdenker und Andersdenkerinnen seien die entscheidende Größe bei der Entwicklung disruptiver Modelle und Prozesse. Als Beispiel nennt er: Autistische Personen ordnen beispielsweise oft Elemente nicht Obergruppen zu (also Autos dem Verkehr, Bäume dem Wald), sondern sammeln Informationen auf der untersten Detailebene und erstellen dann eigene Gruppierungen. „Diese Andersartigkeit der Denkansätze ist am besten geeignet, disruptive Ideen zu entwickeln.“ Da neurodivergente Menschen oft den Fokus nicht auf Status, Macht oder Geld legen, bekommen Unternehmen hoch intrinsisch motivierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, denen es um die Sache geht.

Im Videocast erfährst du, …

  • … warum neurodivergente Menschen zur Vielfalt im Unternehmen dazugehören sollten.
  • … wie Unternehmen von andersdenkenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen profitieren.
  • … welches besondere Arbeitsumfeld Menschen mit Autismus, ADHS, Lese- und Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie brauchen.
  • … wie Unternehmen bei der Integration neurodivergenter Fachkräfte unterstützt werden.
  • … über welche Erfahrungen Unternehmen in diesem Zusammenhang berichten.

Dirk Müller-Remus ist Gründer und Vortragsredner. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik in Frankfurt am Main startete er bei Siemens als Software-Entwickler und Projektmanager. Bei DeTeWe / Mitel verantwortete er zwölf Jahre lang unterschiedliche Management-Positionen als Mitglied der Geschäftsleitung. Anschließend war er bei dem Medizintechnik-Startup NovaVision sieben Jahre als Geschäftsführer tätig. Während dieser Zeit wurde bei einem seiner vier Kinder das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Nach Auticon und Diversicon ist seine nächste Geschäftsidee bereits in Gründung: eine digitale Uhr für Menschen mit zeitlicher Desorientierung. 

 

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