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„Wir dürfen den Sinn von New Work nicht aus den Augen verlieren“

Anna Schnell über ihre "Modern Work Tour"

02. Dezember 2021

Wie steht es um die Ideen von New Work? Wie gestalten Menschen auf der ganzen Welt ihre Vorstellungen von moderner Arbeit? Mit diesen Fragen im Gepäck gingen Anna Schnell* und ihr Mann Nils, die mit ihrer Beratung „MOWOMIND“ Unternehmen auf dem Weg zur modernen Arbeitswelt helfen, auf eine Art globale Walz, die "Modern Work Tour“: 15 Monate lang bereisten sie 34 Länder und sprachen dabei mit mehr als 120 Unternehmen über deren Erfahrungen. Im Interview mit dem NWX Magazin berichtet Anna, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede, aber auch Erkenntnisse für den Standort Deutschland dabei entdeckt hat.

NWX-Magazin: Ihr habt eine „Weltreise in die Zukunft unserer Arbeit“ gemacht. Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da? Wie weit sind wir bei New Work?

Anna Schnell: Die gute Nachricht ist, dass wir wirklich sehr weit sind. Zusammen mit Spanien und den USA erlebe ich Deutschland am aktivsten. New Work-Konzepte sind schon in vielen Unternehmen angekommen. 

Und die schlechte Nachricht?

Anna: Meiner Meinung nach driftet Deutschland gerade ein wenig ab und reduziert New Work sehr auf die Ausgestaltung der Arbeit. Was dabei etwas auf der Strecke bleibt, ist das, was Frithjof Bergmann gesagt hat, mit dem ich in gutem Austausch stand: Was ist es, was wir wirklich, wirklich wollen? Davon können wir dann alles mögliche ableiten. Ich vergleiche New Work mit einer Avocado: Innen ist ein dicker, fetter Kern – nämlich das, was man will und über seine Arbeit denkt, also das Mindset. Dann kommt das Fruchtfleisch: Was kann ich tun, um diesen Sinn und diese Leidenschaft zu erfüllen? Die Schale ist das, was man sieht: Arbeitsplatz, Arbeitszeit, flexible Konzepte, der Umgang miteinander. Die Schale ist wichtig – aber wir sollten nicht vergessen, was innen drin ist.

Wie weit ist New Work abseits von USA und Europa verbreitet? Ihr wart ja auch in vielen asiatischen und afrikanischen Ländern. 

Anna: Was mich total begeistert hat, ist, dass Menschen überall auf der Welt gerade neu und anders arbeiten wollen. Wir waren ja absichtlich nicht nur an Hot Spots wie Tel Aviv oder Singapur. Auch in Kampala in Uganda haben wir Menschen erlebt, die eine neue Arbeitsweilt gestalten wollen. Genauso wie in vielen Teilen Asiens oder dem Balkan ist der Begriff „New Work“ dort völlig unbekannt und die Menschen haben noch nie etwas davon gehört. Es ist kein führendes Konzept dahinter, aber doch offensichtlich weltweit eine Bewegung: Menschen wollen ihrer Tätigkeit eine Bedeutung zuschreiben und einen Sinn im Arbeiten sehen.

Gibt es ein Unternehmen, das Dich besonders begeistert hat?

Anna: Das sind wirklich viele gewesen, aber zum Thema Sinnhaftigkeit passt gut ein Beispiel aus Australien. Der Chef hat sich vom CEO zum CPO umbenannt – zum Chief Purpose Officer. Als er die Mitarbeiter nach dem Sinn ihrer Arbeit gefragt hat, hat das Team von Entwicklern gesagt: Anstelle von Finanzprodukten würden wir lieber Spiele entwickeln, dazu hätten wir viel mehr Lust! Das Unternehmen entwickelt nun auch Spiele-Apps, es hat sich weiterentwickelt und die Sinnhaftigkeit der Mitarbeiter zum Sinn des Unternehmens gemacht. Die Mitarbeiter sind zufriedener, gesünder und bleiben länger, weil sie dem nachgehen können, was sie selbst als sinnvoll erachten.

Neben dem „Purpose“ ist auch lebenslanges Lernen ein Aspekt von New Work. Wie wichtig ist der, wenn Du auf die Weltreise zurückblickst? 

Anna: Wissen ist eines der wichtigsten Güter und es sich anzueignen oder zu wissen, wo man es findet, wird immer wichtiger. Aber lebenslanges Lehren gehört auch dazu – da tun wir uns in Deutschland im internationalen Vergleich noch schwer. In den Niederlanden haben wir beispielsweise erlebt, dass die Menschen viel weniger Hemmungen haben, ihr Wissen weiterzugeben. Wissen wird mächtiger, wenn wir es teilen. In der Mongolei haben wir eine Frau kennengelernt, die eine nachhaltige Pflegemarke aufbaut – dort völlig exotisch. Sie hat Rückschläge erlitten, dann noch ein Studium draufgepackt und jede Kritik hat sie angespornt, sich noch besser zu informieren und zu lernen, um Kunden in deeskalierenden Gesprächen zu überzeugen. Dieses Wachstums-Mindset hat mich begeistert – das fehlt vielen Unternehmen und Führungskräften in Deutschland noch.

Im Februar 2020 hat Euch die Pandemie einen Strich durch die Reisepläne gemacht und in Namibia festgesetzt. Wie habt Ihr die Zeit genutzt?

Anna: Wir waren zu dem Zeitpunkt gerade auf einer Farm mitten im Nirgendwo. Für die Wochen, in den wir dort auf den Rückflug warten mussten, haben wir einen Tauschhandel vereinbart: Wir arbeiteten gegen Kost und Logis 50 Prozent unserer Zeit auf der Farm mit, in der anderen Hälfte der Zeit machten wir remote unsere Beratungsprojekte weiter. Einerseits die körperlich schwere Arbeit: Das Versorgen der Tiere, die Zimmer zurecht machen und Berge von Bettwäsche bügeln. Andererseits die Coachings, in denen man kundenorientiert und mit dem Kopf arbeiten musste – und die stattfinden mussten, bevor oder nachdem die Arbeit auf der Farm getan war. Es war also Flexibilität gefordert und unterschiedliche Erwartungen und Arbeitsweisen mussten sich zusammenfinden – so wie auch verschiedene Abteilungen in einem Unternehmen das in der neuen Arbeitswelt hinkriegen müssen. 

Durch den Lockdown war die Weltreise dann erst mal zuende. Geht es weiter?

Anna: Es geht auf jeden Fall weiter! Im nächsten Jahr wollen wir wieder los, dann soll es noch nach Süd- und Nordamerika gehen. Es verändert sich einfach etwas, wenn man selber losgeht. Die „Walz“ in den Handwerksberufen hat schon ihre Berechtigung. Und seit viele nicht mehr ständig ortsabhängig arbeiten müssen, haben viel mehr Menschen diese Möglichkeiten. Man kann eine Lernreise machen oder mit dem New Work-Trend Workation einfach mal an einem anderen Ort arbeiten – letzteres haben wir gemacht und sind dabei überhaupt erst auf die Idee der „Modern Work Tour“ gekommen.

Das Interview führte Maria Zeitler

*Unsere Gesprächspartnerin: Anna Schnell beschäftigt sich seit langem mit internationalem Arbeiten, New Work und der Zukunft der Arbeit. Sie ist Diplom-Erziehungswissenschaftlerin und hat zusammen mit ihrem Mann Nils Schnell „MOWOMIND“ gegründet: Sie beraten Unternehmen aus 40 Ländern zu Zukunftsfragen unserer Arbeitswelt sowie bei der individuellen und unternehmensweiten Weiterentwicklung. Ihr erstes Buch verrät 50 New Work Hacks, das zweite haben sie über ihre Modern Work Tour geschrieben, die ihnen auch einen Platz auf der Shortlist des New Work Awards 2020 einbrachte. 

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