Interview mit Tina Ruseva

Freitag, 12. März 2021

"Unternehmen sollten sich nicht mehr nur an KPIs und Umsätzen orientieren"

Dr. Tina Ruseva ist Gastgeberin unserer NWXnow Eventreihe "Make purpose work", deren zweite Ausgabe am 18.3. um 18 Uhr stattfindet (s. Hinweis unten). Im Interview erklärt sie, warum Purpose nicht nur Privatsache ist, sondern auch Unternehmen sich zu mehr Sinnhaftigkeit bekennen sollten. 

NWX Magazin: Tina, was genau verbindest Du persönlich mit dem Begriff "Purpose"? 

Tina Ruseva: Ich bin persönlich und beruflich dem sinnorientierten Schaffen sehr verbunden. Ich möchte, dass alles einen Purpose hat – und zwar in genau der Weise, wie die beiden deutschen Übersetzungen dieses Begriffes lauten: nämlich Sinn und Zweck. Den Sinn tragen wir meistens in uns, das sind Motivation, Leidenschaft und Werte, die uns treiben. Der Zweck dagegen ist meistens ein externer Faktor: Wem dient das, was wir machen?

Nun ist von Purpose ja neuerdings sehr viel die Rede im Zusammenhang mit der Arbeitswelt. Selbst Unternehmen, denen man das gar nicht zugetraut hatte, sprechen jetzt begeisternd von ihrem Purpose, der edlen Mission, die sie umtreibt. Ist das nicht oft ein wenig zu viel Buzzword-Geplapper?

Tina Ruseva: Auf jeden Fall. Es ist das Gleiche wie mit der Klimadebatte, schließlich haben wir ja auch nicht erst seit zwei Jahren eine Klimakrise. Für das Buzzword-Phänomen gibt es mehrere Gründe: Zum einen hat das Thema Purpose nun eine kritische Masse erreicht, und ist damit ein gesellschaftlich relevantes Masseninteresse geworden. Das ist die gute Nachricht, weil jetzt immer mehr Menschen über den Sinn und Zweck der Dinge reden, die wir erwirtschaften und erschaffen und welche Wege wir dazu beschreiten.

Die schlechte Nachricht ist, dass bei jedem Buzzword irgendwann die Müdigkeit einsetzt, man davon nichts mehr hören will. Darum müssen wir immer darauf achten, bei den Tatsachen und Fakten zu bleiben und nicht auf Metaebenen zu geraten ...

...oder auch, weil Du davon sprichst, nicht nur Green-Washing zu betreiben, also so tun, als ob man nun als Marke sehr ökologisch unterwegs ist, sondern nun auch Purpose-Washing.

Tina Ruseva:  Ja, das stimmt, mit Purpose-Washing versuchen sich jetzt viele Unternehmen zu positionieren, weil das in Sachen Image, Mitarbeitergewinnung und -motivation etc. viele Vorteile hat. Sie bleiben aber oft an der Oberfläche und bei bloßen Aussagen. Dabei haben wir heute durch den technologischen Fortschritt doch die Möglichkeit, die Antwort nach dem Sinn unseres Tuns, viel umfassender und tiefer anzugehen.

Du hältst also die technologische Entwicklung, vor allem die Digitalisierung, für den entscheidenden Faktor bei dieser Wandlung?

Tina Ruseva: Ja, es verändert sich derzeit so viel in allen Bereichen des Arbeitslebens: „Neue Menschen“, also die Generationen Y, Z und all die nachfolgen, kommen zusammen in neuen Arbeitsumgebungen, wie etwa Co-Working-Büros. Sie nutzen neue, kollaborative Tools für Arbeit und Kommunikation wie Slack und andere, die ihnen neue Zusammenarbeitsformen ermöglichen, wie agile Projekte oder virtuelle Teams.

Das wiederum hat Folgen für die Führungskultur in unseren Unternehmen: Wie führt man nun diese „neuen Menschen“, in dieser sich rasend schnell verändernden Arbeitswelt? Das erfordert neue Zielsetzungen, die sich nicht mehr ausschließlich an KPIs und Umsätzen orientieren, sondern eben an Fragen von Sinn und Zweck des eigenen Unternehmens. Diese grundlegenden Fragen betreffen aber nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Kultur, Politik und vieles mehr.

Hilft Technologie Deiner Meinung nach also dabei, den alten Widerspruch aufzulösen, zwischen dem einst einzigen Zweck des Unternehmens, nämlich möglichst viel Gewinn zu erzielen, und der Sinnsuche des Arbeitsnehmers auf der anderen Seite?

Tina Ruseva: Ja, genau darüber müssen wir sprechen. Durch die Digitalisierung entstehen nicht nur Möglichkeiten für weltweite Geschäfte, und das nahezu zum ersten Mal in der Geschichte der Menschen für fast Jedermann, sondern auch Risiken. Die exponentielle Produktivität mit der mittlerweile Software, AI und KI funktioniert, geben uns so viele Chancen. Ein junges E-Commerce-Startup zum Beispiel kann sein Geschäft heutzutage wahnsinnig schnell skalieren. Aber wenn es dabei nicht rechtlich korrekt zugeht oder nicht nachhaltig produziert, läuft es sofort Gefahr, ebenso schnell einen massiven Impact auf Umwelt und Gesellschaft zu haben. Und darum ist für mich reines Wirtschaften nach alten Maßstäben in einer vollkommen verbundenen Welt mit ihren endlichen Ressourcen nicht mehr vertretbar.

Und wie sieht es mit dem einzelnen Menschen aus? Also wo man Purpose wirklich gut übersetzen kann mit jener „Sinnhaftigkeit“, die man für die eigene, alltägliche Arbeit empfindet. Gibt es aus Deiner Sicht Kriterien für eine in diesem Sinne besonders sinnvolle Arbeit?

Tina Ruseva: Ich glaube, diese Kriterien sollte jeder selbst für sich erarbeiten. Für mich ist das immer die Kombination aus Sinn UND Zweck: Wie passt diese Arbeit zu mir, und was bringt sie anderen? Wenn eine dieser Komponenten fehlt, wenn ich etwa nur für andere da bin, aber mich in keinster Weise damit identifizieren kann, dann ist etwas nicht in Ordnung. Umgekehrt gilt das übrigens genauso.

Kann „Sinnhaftigkeit“ zum prägenden Begriff von NEW WORK werden?

Tina Ruseva: Ich denke schon. Purpose kann unser Orientierungsstein sein, um all diese Veränderungen unserer Werte, Technologien, Organisationen und Ziele zu vermessen.

(Dieses Interview ist die leicht gekürzte Version eines Gesprächs, das wir im Herbst 2020 mit Tina geführt haben)

Event-Info:

Ideen für eine bessere Arbeitswelt gibt es viele. Aber wie lassen sich diese  umsetzen? Im März präsentieren wir in Kooperation mit Big & Growing eine dreiteilige Eventreihe unter dem Motto #makepurposework, die dieser Frage nachgeht. Unsere Gäste sind allesamt Experten auf dem Gebiet und freuen sich auf einen interaktiven Abend  auf der Plattform Kumospace, bei dem sie ihre Erkenntnisse mit Dir teilen und Dich deinem individuellen Purpose dabei ein Stück näher bringen.

Unsere Themen und Termine:

1. Sinn finden - how to make purpose work on an individual level?

11.03. – 18:00 Uhr – 19:30 Uhr

2. Sinn leben - how to make purpose work on an organizational level?

18.03. – 18:00 Uhr – 19:30 Uhr

3. Sinn stiften - how to make purpose work on a network level?

25.03. – 18:00 Uhr – 19:30 Uhr

Es werden bestimmt spannende und inspirierende Abende. Wir würden uns sehr freuen, auch Dich begrüßen zu dürfen!

Alle weiteren Informationen und den Anmeldungslink findest Du hier auf der Eventseite