Flexible Arbeitsmodelle

Donnerstag, 03. Juni 2021

3+2 ist das neue Remote

Es bleibt nicht, wie es ist und es wird nicht, wie es war. Wie werden wir nach Corona arbeiten? „Es gibt kein Unternehmen, das sich nicht mit der neuen Organisation von Arbeit auseinandersetzen muss“: Das sagt Carsten Meier, einer der Mitbegründer der Berliner New Work-Beratung intraprenör – und Initiator des „Shift Collective“. Rund zehn verschieden große Beratungen und Agenturen sind dem Netzwerk bereits beigetreten – mit der Mission, die Transformation zur hybriden Arbeitswelt zu begleiten. Vor einigen Wochen erschien die gemeinsame „Hybrid-Work-Studie“, die anhand von zehn Thesen die Arbeitswelt nach Corona umreißt und Unternehmen klare Handlungsempfehlungen gibt. Zwanzig Top HR-Executives wurden dafür befragt und die Ergebnisse in einer Umfrage mit über 530 Teilnehmer:innen besprochen – außerdem flossen die 30 Top-Studien und Forschungsergebnisse zum Thema ein. Das NWX Magazin hat mit Carsten Meier über die Ergebnisse gesprochen. 

NWX Magazin: Wie kam es zu der Idee für die Studie – und warum genau schließt man sich mit den direkten Wettbewerbern zusammen?

Carsten Meier: Wir waren mit einigen der Beratungen schon lose im Austausch oder haben mal ein Projekt zusammen gemacht. Aber schon im ersten Lockdown entstand die Idee, dass wir gemeinsam unsere Wirkung vergrößern können. Jeder behält seine Spezialisierung und wenn wir das bündeln, dann können wir große Organisationen noch ganzheitlicher beraten, die im Zuge der Pandemie vermehrt nach New-Work-Lösungen suchen. Dazu kommt: Unsere Motivation, die Arbeitswelt wirklich zu verändern, ist größer als die Konkurrenz. Dafür ist jetzt die Chance. Als wir 2013 intraprenör gegründet haben, mussten wir immer erst eine Stunde darüber reden, warum New Work sinnvoll ist. Jetzt fällt das weg, wir haben genug geredet, jetzt können wir sofort loslegen. Jetzt wird es ernst.

Hat Corona dafür den Weg bereitet, weil es als Beschleuniger für die Digitalisierung gewirkt hat?

Meier: Ich finde, da muss man vorsichtig sein und differenzieren: Corona war ein Zwangsexperiment, das auch für viele Menschen sehr negative Auswirkungen hatte. Da muss man schon aufpassen, das jetzt nicht pauschal zu beschönigen. Aber dennoch: Natürlich hat dieses Zwangsexperiment in Sachen Digitalisierung und New Work etwas erreicht. Da hätte man für Change-Projekte Millionen ausgeben können und wäre immer noch nicht da, wo wir gerade sind. Also: Es ist eine Chance, aber jetzt kommt es stark darauf an, was wir damit machen und ob wir sie nutzen.

Wie wird die Arbeitswelt nach Corona aussehen? Sitzen wir alle weiterhin im Home Office oder gehen wir alle wieder ins Büro?

Meier: Eine der größten Überraschungen im Rahmen unserer Studie war für mich: Niemand hat gesagt, er will wieder zu hundert Prozent ins Büro und niemand hat gesagt, er will zu hundert Prozent von zuhause aus arbeiten. 65 Prozent wünschen sich tatsächlich ein 3+2-Modell: Also drei Tage im Büro, zwei Tage zuhause – oder umgekehrt. Aber es gibt nicht das „one size fits all“-Modell.

Wer wird das Modell bestimmen?

Meier: Es ist ein No-Brainer, dass die Mitarbeiter eingebunden werden müssen. Wir haben aber auch für die Studie mit keinem Unternehmen gesprochen, das gesagt hat, wir beschließen das im stillen Kämmerlein. Die Mitarbeiter sind ja auch eine unverzichtbare Informationsquelle für diesen Prozess, denn sie haben im vergangenen Jahr viel darüber gelernt, wie produktive Arbeit für sie aussieht. E-Mails bearbeiten, Konzepte schreiben, das ganze operative Arbeiten: Die meisten sagen, das geht effektiver im Home-Office. Aber für Teamarbeit und kreativen Austausch wollen die meisten auch gern wieder ins Büro kommen und die Kollegen treffen.

Das Büro ist also nicht tot?

Meier: Nein, es ist nicht tot, aber seine Aufgabe verändert sich radikal: Es muss ein Ort für informellen Austausch und Teamarbeit werden, ein kreativer Ort. Vielleicht kann man es sich so vorstellen: Ins Büro zu kommen, soll so sein, wie an Weihnachten zu den Eltern zu fahren – es gehört zu meiner Identität, ich treffe Leute, mit denen ich schon viel erlebt habe und werde wieder positiv aufgeladen. Wir bauen bei intraprenör auch gerade unser Büro um, von einer großen Open-Space-Fläche zu kleineren Räumen, in denen hybride Workshops – stattfinden können: Für uns wird das Büro zum Kreativ-Studio.

Apropos Workshop und Meeting: Seit Corona finden alle Besprechungen, die vorher am Telefon liefen, per Video statt. Hört das wieder auf?

Meier: Sicher nicht ganz, weil es ja auch Vorteile hat, die wir jetzt entdeckt haben. Ganz wichtig ist aber, dass ein Unternehmen ganz bewusst darüber nachdenkt, welcher Kanal der richtige ist, also festlegt: Wann wollen wir wie kommunizieren? Der Podcast-Erfolg zeigt ja: Wir Menschen schätzen durchaus die Audio-Kommunikation. Also Video ist nicht immer das Richtige und ganz sicher nicht den ganzen Tag. Studien haben gezeigt, dass man nach acht Stunden in Video-Meetings viel müder ist und zwar nicht, weil man die anderen sieht, sondern weil man sich selbst sieht. Es ist, als würde man den ganzen Tag vor dem Spiegel sitzen.

In der Studie wird auch das Stresslevel angesprochen, das in der Pandemie angestiegen ist – sinkt es auch wieder, je mehr Lockerungen kommen?

Meier: Das ist im Moment schwer zu sagen. Unternehmen müssen das auf jeden Fall engmaschig begleiten und für ihre Mitarbeiter sorgen. Google hat beispielweise sogenannte reset days eingeführt, an denen die Mitarbeiter sich langfristig von der anstrengenden Zeit der Pandemie erholen sollen. Komplett remote zu arbeiten ist langfristig schlecht für die Gesundheit und auch für die Unternehmenskultur und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Deshalb glaube ich, dass Offsites und Retreats eine enorme Renaissance erleben werden. Es ist wie in der Schule: Nebeneinander am Tisch zu sitzen und zu lernen, war nicht zwangsläufig identitätsstiftend. Es waren die Skifreizeiten, Ausflüge und Wandertage, die am Ende Zusammenhalt gefördert haben.

Das Interview führte Maria Zeitler

Klicktipp: Zum Thema "Hybride Arbeitswelt" hat Carsten Meier, zusammen mit den Shift Collective-Partnern Elsabeth van Overbeeke und Steffen Kellner, auch eine spannende Masterclass im Rahmen der NEW WORK EXPERIENCE 2021 von XING im April abgehalten. Eine Zusammenfassung der NWX und einige weitere Höhepunkte gibt es unter diesem Link.