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"Ich habe nur Angst vor der Reue, etwas nicht getan zu haben"

Drei Fragen an... Annie O. / DJane

23. Oktober 2022

Von der erfolgreichen Investmentbankerin zur gefeierten DJane: Die Berlinerin Annie O. ist ihren ganz eigenen Lebens- und Karriereweg gegangen: renommierte Business School, mit 22 Jahren Analystin bei Merrill Lynch und ein Top-Einstiegsgehalt, Abschied nach sechs Monaten, danach Jobhopping und schließlich Verwirklichung des Lebenstraums Musik. Auf der NWX Session bei der Orgatec 22 legt sie nicht nur auf, sondern verrät auch, wie es dazu gekommen ist. Für unser Format "Drei Fragen an..." gab sie schon mal einen kleinen Einblick vorab. 

NWX Magazin: Von der Investmentbank hinter das DJ Pult: Hast Du jemals mit Wehmut zurückgeblickt? 

Annie O.: Nein, überhaupt nicht! Manchmal vermisse ich London noch, ja – immerhin habe ich 8 Jahre dort gelebt. Aber mit meiner Zeit dort verbinde ich überhaupt nicht mehr meinen Bankingjob, für den ich immerhin ursprünglich dorthin gezogen bin, sondern die aufregende Zeit der unzähligen Verwandlungen und Entdeckungen, die danach kam. 

Nein, Wehmut liegt mir fern – es gibt nichts, was ich zurückschauend bereue. Was an sich interessant ist, denn eigentlich kenne ich – sozusagen nach vorne gerichtet – die Sorge, dass ich in Zukunft etwas bereuen könnte, ziemlich gut. Aber diese Angst vor Reue bezieht sich eher darauf, etwas nicht getan zu haben – daher bin ich wohl jemand, der lieber etwas wagt, als eine Gelegenheit ungenutzt vorbeiziehen zu lassen.  

Ich habe heute zwar weniger Geld, als ich als Bankerin hätte haben können – aber das war für mich eh nie die primäre Motivation. Dafür habe ich viel mehr Freiheit, Zeit und Selbstbestimmung, kann verrücktere Geschichten erzählen, habe mehr von der Welt gesehen und viel mehr Leute kennengelernt. Und eins darf man ja nicht vergessen: Die Selbstbestätigung, die ich damals im exklusiven „Elitejob“ wohl gesucht habe, bekomme ich heute natürlich immer noch, wenn nicht sogar noch mehr und viel unmittelbarer – nämlich wenn ich hinterm DJ-Pult stehe und hunderte Menschen musikalisch in meinen Bann ziehe. 

Umfragen zeigen, dass viele Menschen gerade überlegen, aus ihrem bisherigen Jobleben auszusteigen, weil sie auf der Suche nach mehr Sinn in ihrem Beruf sind. Wie schafft man es, diesen - für viele ja radikalen - Schritt zu gehen? 

Annie O.: Ich finde, das Wichtigste ist, dass man sich seiner grundlegenden, unverhandelbaren Bedürfnisse bewusst ist. Mein Hauptbedürfnis zum Beispiel ist, dass ich frei über meine Zeit und Tätigkeiten entscheiden kann - wenn das nicht erfüllt ist, würde ich auf Dauer darunter leiden. Das war mir aber nicht von Anfang an klar, sondern ich habe es erst schmerzlich begriffen, als ich in den sehr einengenden Mühlen der Investmentbank gelandet bin, in denen ich mich gefangen fühlte und wieder ausbrechen musste. Seither habe ich es nie länger als ein paar Monate in einem Vollzeit-Angestelltenjob ausgehalten, egal wie abwechslungsreich er war – es widerspricht einfach meiner Natur.  

Mit meinem Schritt hin zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung ging aber auch – zumindest am Anfang – eine große Ungewissheit und Unberechenbarkeit einher, die mir aber nichts ausgemacht hat, da mir die Freiheit viel wichtiger war. Aber das heißt ja nicht, dass ein solches ungeregeltes Leben (und Einkommen!) für jeden das Richtige wäre – ich finde es überaus legitim, wenn man z.B. sagt, dass man im Beruf eher Sicherheit und Vorhersehbarkeit schätzt, weil man sich dann im Privatleben besser entfalten kann.  

Kurz gesagt: Es gibt kein Patentrezept, da jeder für sich den Weg finden muss, der größtmöglich mit seinen tiefsten Bedürfnissen übereinstimmt. Denn es sollte umgekehrt ja auch nicht in die Richtung gehen, dass die Sinnhaftigkeit oder der Erfüllungsgrad der Arbeit nun auch zum kollektiven Optimierungszwang wird! Wichtig ist nur unbedingt, dass man schnell genug merkt, dass der jetzige Weg einem zuviel abverlangt und einen auf Dauer krank machen würde – dann ist es natürlich höchste Zeit zu handeln.  

Bei der NWX Session auf der Orgatec firmierst Du als „DJane + Corporate Mood Officer“:  Was genau verbirgt sich denn hinter dieser spannenden Berufsbezeichnung? 

Annie O.:  In der Vergangenheit hatte ich öfter mal gewitztelt, dass die Bezeichnung DJane eigentlich zu kurz kommt – „Stimmungsmanagerin“ würde es eher treffen. Denn ich nutze Musik ja nur als Medium oder Werkzeug, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen – daher denke ich zum Beispiel auch weniger in Musikstilen oder Genres, sondern habe für jeden Song eine Art „Stimmungsgedächtnis“, also wie er sich anfühlt und welche Gemütslage er fördert. Somit schafft Musik nonverbal einen Raum, der z.B. beruhigen oder aktivieren, sanft oder aufregend sein kann, im Hintergrund unauffällig andere Aktivitäten unterstützen oder konkret etwas einfordernd kann.  

Naja, jedenfalls habe ich es irgendwann dann auch auf meine Visitenkarten geschrieben: „DJane & CMO (Chief Mood Officer)“ – natürlich auch in spielerischer Anlehnung an meine Vergangenheit. Beim Brainstorming für die Orgatec hatten wir dann die Idee, dass wir das doch als spannendes Thema aufgreifen und weiterentwickeln könnten. Denn die Stimmung innerhalb eines Unternehmes oder Teams sowie auch des Einzelnen über den Verlauf eines Arbeitstages ist ja ein unglaublich wichtiger Aspekt, der natürlich weitaus mehr als nur Musik beinhaltet – denn es gibt ja unzählige weitere Einflussfaktoren, die auf die innere und äußere Atmosphäre einwirken. Da kämen wir jetzt in die tieferen Gefilde der Psychologie, die mich sehr interessiert – tatsächlich habe ich vor einigen Jahren neben dem Auflegen ein Zweitstudium begonnen und mache nun im nächsten Jahr meinen Masterabschluss in Psychologie. Somit formt sich nun ein dritter Weg – aber darüber können wir dann ja beim nächsten Mal sprechen. :) 

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