Kommentar zum Fokusthema Zukunftskompetenzen

Soft ist Trumpf

Was bringt mir die Zukunft?  Welche Chancen habe ich im Beruf? Auf welche Herausforderungen muss ich reagieren? Was brauche ich für Fähigkeiten, um im Job erfolgreich zu sein? Diese und ähnliche Fragen stellten sich Arbeitnehmer:innen natürlich schon immer.  Doch in Zeiten von Digitalisierung, Künstlichen Intelligenzen, Wertewandel und ja, auch von globalen Pandemien,  scheinen sich die Anforderungen an Berufstätige in nahezu allen Branchen noch schneller verändern als jemals zuvor - und die Verunsicherung wächst. Doch die gute Nachricht ist: Die wichtigsten Zukunftskompetenzen sind ganz menschlich.

Liest man die Ergebnisse der aktuellen Umfrage von XING, in der Arbeitnehmer:innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach ihrer Meinung über die wichtigsten Fähigkeiten für ihren Job in der Zukunft befragt werden, fällt vor allem Eines auf: Die Eigenschaften in den zwischenmenschlichen Beziehungen („Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit z.B.) nehmen neben den „klassischen“ beruflichen Kompetenzen wie etwa Leistungsbereitschaft einen erstaunlich großen Raum ein, sind damit deutlich höher bewertet als bei Umfragen in früheren Jahren. 

Aber warum werden "Fairness" (Platz 6) oder die "Fähigkeit mit unterschiedlichen Menschen zusammenarbeiten zu können" (Platz 4) so wichtig für die berufliche Zukunft eingeschätzt? Warum haben gerade im Anbetracht der zunehmenden Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine besonders „menschliche“, soziale Fähigkeiten Konjunktur? Etwa, weil es diese Fähigkeiten sind, die für Maschinen und künstliche Intelligenzen besonders schwer zu automatisieren sind? 

Tatsache ist: Bei immer schneller voranschreitender Digitalisierung und Automatisierung entfallen immer mehr berufliche Aufgaben, die früher intensive und kontinuierliche Bildung und Weiterbildung verlangten. In der digitalen Arbeitswelt erledigt Software auch komplexe Herausforderungen in Sachen Finanzen, Logistik, Organisation und vieles mehr. "Intelligente" Algorithmen werden mittlerweile fast selbstverständlich bei der (ersten) Auswahl von Bewerber:innen eingesetzt oder optimieren "selbstständig" (also nach Programmierung) Workflows und Budgetpläne.

Um diese Computer, Maschinen und Roboter zu bedienen, bedarf es auf der anderen Seite immer weniger rein fachliche Schulungen für Arbeitnehmer:innen. Selbst um die anspruchvollste Buchhaltungssoftware zu bedienen, braucht es heute nicht mehr als ein paar Wochen Training on the job. Den Rest, nämlich die Schaffung, Wartung und Implementierung einer solchen Software, übernehmen - global gesehen - relativ wenige Experten. Was also bleibt für uns Andere zu tun? 

Natürlich noch eine ganze Menge: Denn unseren überaus cleveren digitalen Helfer fehlt es - immer noch und vermutlich auf Dauer - an genau jenen wesentlichen Kompetenzen, die sowohl einen Konzern, ein mittelständiges Unternehmen, ein Start-up oder einen Soloselbständigen erfolgreich werden lassen. Da wäre zum Ersten zum Beispiel die Fähigkeit, Produkten und Dienstleistungen einen Sinn zu geben, individuelle Ziele für die Firma und sich selbst zu definieren. Oder das Können, aus den fünf letzten Bewerber:innen wirklich jene/n herauszufinden, die/der das Team perfekt fachlich und menschlich ergänzt. Und last but not least die Erfahrung, all jene flexiblen Aufgaben zu lösen, die mehr erfordern, als den hyperschnellen Austausch zwischen 0 und 1. 

Denn genau dies ist der Umkehrschluss: Je tiefer die digitale Welt in unsere Arbeit eindringt - und sie oft auf das Wunderbarste bereichert - umso mehr kommt es auch auf die Menschen an, auf ihre Talente, ihre Eignung und ihr Engagement. Es ist kein Zufall, dass die gewünschten Zukunftsfähigkeiten für den Menschen fast eins zu eins die Schwächen der Maschinen kompensieren.

Kein Grund zur Blauäugigkeit. Natürlich bleiben auch die sogenannten Schlüsselqualifikationen und ihre nachhaltige Aus- und Weiterbildung wichtige Kompetenzen, die für die Anforderungen einer modernen Arbeitswelt benötigt werden. Aber es genügt längst nicht mehr, dass Beschäftigte fachlich gut ausgebildet sind. Es braucht überfachliche und persönliche Kompetenzen, darunter natürlich auch die viel beschworenen "Soft Skills", die schon seit Jahren eingefordert werden, wie etwa die Fähigkeiten, selbstverantwortlich, motiviert und zielorientiert zu handeln.

Was nun aber noch immer mehr dazu kommt, sind die Faktoren der emotionalen Intelligenz wie Empathie, Mitgefühl und Offenheit - also Kompetenzen, bei denen wir den Maschinen tatsächlich haushoch überlegen sind. Auch dies ist eine Errungenschaft der NEW WORK-Bewegung: Zu wissen, dass es genau diese "soften" Kompetenzen und ihre tägliche Anwendung sind, die sowohl den Einzelnen, als auch ein Team und sogar die Belegschaft eines Konzerns dazu bringen, ihr "hartes", fachliches Können bestmöglich einzusetzen, ist eine immense Erfolgskomponente. Für den Umsatz und das Lebensgefühl.

Ralf Klassen

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