Geteilte Führung als Modell der Zukunft?

Montag, 30. August 2021

"Topsharing stärkt Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern"

Jobsharing, also das Teilen von einem Arbeitsplatz durch zwei (oder mehr) Arbeitnehmerinnen, ist in den vergangenen Jahren immer populärer geworden, Doch funktioniert das auch mit Führungspositionen? Können sich zwei Führungskräfte ihre Aufgaben, ihre Mitarbeitenden und Verantwortlichkeiten, so teilen? Wer trifft dann die Entscheidungen? In vielen Unternehmen ist so ein "Topsharing" noch undenkbar. Dabei müssen sich Karriere und eine reduzierte Arbeitszeit nicht ausschließen, meint Prof. Dr. Katharina Sachse*. Im Interview spricht die Wirtschaftspsychologin über die Vorteile von Topsharing, die Förderung von Chancengleichheit und die Voraussetzungen, damit Co-Leadership funktionieren kann.

Welche Vorteile haben Führungskräfte konkret, wenn sie sich ihre Position teilen?

Prof. Dr. Katharina Sachse: Topsharing eröffnet natürlich einerseits die Möglichkeit, die eigene Arbeitszeit zu reduzieren. Gerade für berufstätige Mütter und Väter ist ein solches Modell sehr attraktiv, da sich so Beruf und Familienleben besser miteinander vereinbaren lassen. Andererseits werden in modernen Organisationen aber auch die Rollen flexibler, sprich Beschäftigte haben oftmals nicht nur eine Position inne, sondern mehrere – mit Co-Leadership lässt sich ein Teil der Arbeitszeit entsprechend für andere Aufgaben und Projekte nutzen. Ganz grundsätzlich bietet Topsharing noch einen weiteren großen Vorteil: Die jeweiligen Führungskräfte können „on the job“ voneinander lernen, fachlich wie persönlich, und sich bei Problemen auf Augenhöhe austauschen. Davon profitiert selbstverständlich auch das Unternehmen.

Welche weiteren Chancen bietet Topsharing aus Arbeitgebersicht?

Katharina Sachse: Ganz praktisch gesehen lässt sich bei krankheits- oder urlaubsbedingten Ausfällen die Stellvertretung viel einfacher regeln. Eine reduzierte wöchentliche Arbeitszeit kann sich zudem positiv auf die Produktivität, Leistungsfähigkeit und Stressbewältigung der Führungskräfte auswirken. Angebote zu flexiblen Arbeitsmodellen steigern natürlich auch die Attraktivität auf dem Bewerbermarkt. Ein weiterer wichtiger Punkt: Unternehmen können mit Topsharing gezielt die Chancengleichheit zwischen weiblichen und männlichen Führungskräften fördern.

Ist Topsharing also „typisch weiblich“?

Katharina Sachse: Co-Leadership ist auf jeden Fall ein guter Weg, um Frauen den Einstieg in eine Führungsposition zu erleichtern. Laut Statistischem Bundesamt war 2019 in Deutschland nicht einmal jede dritte Führungsposition mit einer Frau besetzt, obwohl Frauen 47 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen. Begründet liegt diese ungleiche Verteilung unter anderem darin, dass Frauen nach wie vor einen Großteil der Care-Arbeit leisten und häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten – und viele Arbeitgeber der Ansicht sind, dass Führung in Teilzeit nicht möglich ist. Befragungen von Führungskräften zeigen aber, dass sich unter diesen nicht nur Frauen, sondern beide Geschlechter geringere Arbeitszeiten wünschen, um Beruf- und Privatleben besser miteinander vereinbaren zu können. Das Modell ist daher für weibliche als auch für männliche Führungskräfte gleichermaßen interessant.

Würden Sie denn sagen, dass Führung grundsätzlich immer teilbar ist? Oder gibt es Grenzen?

Katharina Sachse: Mir persönlich fällt kein Grund ein, warum Führung nicht teilbar sein sollte. Natürlich muss beim Führungsduo die Bereitschaft zur Kooperation und zum intensiven Austausch vorhanden sein, „Ego-Trips“ sind in einem solchen Modell vollkommen fehl am Platz. Unentbehrlich sind bei Tandem-Führungskräften auch entsprechende soziale Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten, das sind jedoch Eigenschaften, die eine gute Führungskraft ohnehin mitbringen sollte. Der Arbeitgeber muss also entsprechend dafür Sorge tragen, dass die personalen Voraussetzungen erfüllt werden – durch die Führungskräfteauswahl und -entwicklung bis hin zu „Matching-Prozeduren“ für potenzielle Duos.

Erkennen Sie einen Trend, dass Unternehmen zunehmend auf geteilte Führung setzen?

Katharina Sachse: Aus einer Topsharing-Studie von Esther Himmen** geht hervor, dass sich zwei Drittel der befragten Führungskräfte für Topsharing interessieren, viele das Modell jedoch nicht aus der eigenen beruflichen Praxis kennen. Die Umsetzung in Betrieben ist also bisher eher sporadisch, nimmt aber langsam zu: So gibt es inzwischen Beratungsunternehmen, die sich auf Job- und Topsharing spezialisiert haben und Unternehmen bei der Einführung des Modells unterstützen – der Markt ist also durchaus vorhanden.

Ist Topsharing aus Ihrer Sicht das Führungsmodell der Zukunft?

Sachse: Auf jeden Fall! Immer mehr Menschen wünschen sich ein ausbalanciertes Lebenskonzept, bei dem Familie und Freizeit, aber auch gesellschaftliches Engagement und die persönliche Weiterentwicklung den gleichen – wenn nicht sogar höheren – Stellenwert als die eigene Karriere einnehmen. Durch Topsharing können Führungskräfte viele individuelle Freiheiten gewinnen, Unternehmen profitieren entsprechend von zufriedeneren, gegebenenfalls sogar leistungsfähigeren Mitarbeitenden und präsentieren sich als attraktiver Arbeitgeber.

*Zur Person: Prof. Dr. Katharina Sachse ist Wissenschaftlerin am iwp Institut für Wirtschaftspsychologie und Professorin an der FOM Berlin

**Himmen, Esther (2019): Topsharing: Eine Studie zum Interesse an Jobsharing auf Führungsebene

(Das Interview wurde erstmalig auf dem FOM Online-Portal veröffentlicht) 

 

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