NEW WORK AWARD-Gewinner Social-Bee

Montag, 07. Juni 2021

Dieses Social Startup hilft Geflüchteten bei der Jobsuche

Socialbee bietet Geflüchteten, besonders den gering Qualifizierten unter ihnen, die Chance auf eine Festanstellung, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und sich durch Arbeit in die Gesellschaft zu integrieren: Das erste Social Startup Deutschlands baut durch gemeinnützige non-profit Zeitarbeit eine Brücke zwischen Arbeitgebern auf Mitarbeitersuche und motivierten Geflüchteten.  Social-Bee übernimmt dabei Risiken und Bürokratie und investiert die Einnahmen aus der Überlassung für ein strukturiertes einjähriges Integrationsprogramm. Ziel ist die anschließende Übernahme im Unternehmen. Im Gespräch erklärt Zarah Bruhn, Gründerin von Social-Bee, wie es zu der Idee kam und wie das Projekt genau funktioniert.

Kannst Du bitte an dieser Stelle noch einmal kurz Euer Projekt vorstellen?

Zarah Bruhn: Wir von Social-Bee sind Experten und Dienstleister für Arbeitsmarktintegration. Dabei konzentrieren wir uns auf verschiedene Zielgruppen. Aktuell helfen wir Unternehmen, Geflüchtete einzustellen und unterstützen sie während des gesamten Prozesses, angefangen vom Recruiting über Vorqualifizierung, Einstellung und Betreuung bis hin zu Training und Begleitung im Unternehmen. Bald erweitern wir unser Angebot für Menschen mit Behinderungen, perspektivisch auch für andere benachteiligte Gruppen. Unser Ziel ist wie gesagt Arbeitsmarktintegration, aber wir möchten darüber hinaus unseren Beitrag dazu leisten, Vielfalt einfach zu machen. Mit dem Ziel einer bestmöglichen Integrationslösung haben wir drei Modelle entwickelt: Über die Soziale Zeitarbeit stellen wir Geflüchtete direkt selbst an. Diese Option ist vor allem für kleine und mittlere Unternehmen interessant. Bei den Full-Service-Integrationsprojekten, ein besonders geeignetes Modell für Corporates, unterstützen wir Unternehmen bundesweit, Benachteiligte zu qualifizieren und einzustellen. Als drittes Modul schließlich coachen wir im Rahmen unserer Academy die Verantwortlichen in HR und Management mit dem Train-the-Trainer-Ansatz. Wir klären auf zum Thema Arbeitsmarktintegration und geben unser Wissen und unsere Erfahrungen an die Unternehmen selbst weiter.

Wie läuft das praktisch ab?

Zarah: Die Unternehmen kommen auf uns zu, wenn sie benachteiligte Menschen einstellen möchten. Bei der Sozialen Zeitarbeit in München und Stuttgart können wir direkt helfen, Geflüchtete auf offene Jobs einzusetzen. Wir übernehmen alle administrativen Aufgaben, so dass sich das Unternehmen um nichts weiter kümmern muss, außer um die gute Zusammenarbeit mit den neuen Kolleg*innen. Die Vermittelten unterstützen wir in einem einjährigen Programm, das pädagogische Betreuung, Sprachkurse, Hilfe beim Asylverfahren bis hin zum Familiennachzug umfasst. Bei den bundesweiten Integrationsprojekten dagegen planen wir für die Unternehmen ganz spezifische und individuelle Einstellungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Für SAP beispielsweise haben wir ein umfassendes Remote-Projekt aufgesetzt, mit dem wir Geflüchtete und Migrant*innen zu IT-Consultants vorqualifizieren und anschließend bei SAP und seinen Partnerfirmen einstellen. Über die Academy schließlich geben wir unseren Erfahrungsschatz als Arbeitsmarktintegrationsexperten weiter, trainieren Organisationen, damit sie lernen und sich selbst weiterbilden können.

Warum ist euer Projekt so wichtig, worin liegt der Mehrwert für die Arbeitswelt?

Zarah: Wir reden nicht nur über Diversität, sondern helfen dabei, sie in der Arbeitswelt und damit in unserer Gesellschaft zu verankern. Es wird öffentlich immer wieder gefordert, dass Unternehmen mehr benachteiligte Menschen beschäftigen sollen. Aber wer einen tieferen Einblick gewinnt, weiß, dass Personalbeauftragte häufig überfordert sind, wenn es an die Umsetzung geht.  Social-Bee unterstützt Unternehmen hands-on dabei, etwas zu verändern. Wir wissen, dass Diversität ein sehr komplexes Thema ist und erleichtern Unternehmen den Weg dorthin, indem wir die Verantwortlichen sozusagen an die Hand nehmen und ganz pragmatische Lösungen schaffen, die auf die Organisationen individuell zugeschnitten sind. 

Wie messt Ihr den Erfolg des Projekts und den Einfluss auf die Arbeitswelt?

Zarah: Einerseits an der Anzahl der Einstellungen und andererseits am Anteil der Übernahmen. Uns geht es nicht um kurzfristige Integration. Für uns zählt, wie viele von den Geflüchteten, die bei uns im Programm starten, das Jahr schaffen und von den Partnerunternehmen langfristig übernommen werden. Wir haben eine Integrations-Quote von knapp 80 Prozent.

Welche Hürden gab es bei der Einführung und Umsetzung Eurer Idee?

Zarah: Ich hatte damals 2015 weder Ahnung von der Zusammenarbeit mit Geflüchteten noch von Zeitarbeit, wollte aber unbedingt einen Beitrag leisten um in der Flüchtlingskrise zu helfen und kam dann auf diese Idee, beides zu kombinieren. Einige haben mir unterstellt, Gewinn auf Kosten der Geflüchteten machen zu wollen. Hinzu kommt, dass Zeitarbeit und Gemeinnützigkeit extrem reguliert sind. Mit der Finanzierung lief es anfangs auch äußerst schleppend, bis wir den Beweis erbringen konnten, dass wir wirklich nachhaltig integrieren. Im ersten Jahr gab es gar keine Unterstützung, da mussten wir unser eigenes Geld in die Hand nehmen, haben uns von Familie und Freunden einiges zusammen geliehen, um überhaupt starten zu können. Aber selbst wenn einmal alles läuft, gibt es Rückschläge. Von Abschiebung bis Suizid ist bei uns alles schon vorgekommen. Das sind natürlich die besonderen Downer und es erfordert emotionale Anstrengung, das Team in solchen Phasen stabil zu halten.

Was bedeutet New Work für Euch?

Zarah: New Work beinhaltet für mich vor allem, dass man Purpose-getrieben arbeitet, dass Arbeiten ein Teil der eigenen Identifikation ist, ein Teil dessen, was man im Leben erreichen, bewegen und bewirken möchte und mit seiner Arbeit einen Beitrag leistet zu einer besseren Gesellschaft und einer intakten Umwelt. Für mich bedeutet New Work aber auch, den Mitarbeitenden ein Umfeld zu ermöglichen, in dem sie sich entfalten können. Ich glaube, da sind wir bei  Social-Bee stark aufgestellt. Wir haben einen unglaublichen Zusammenhalt und sind alle miteinander befreundet, obwohl wir teilweise aus ganz unterschiedlichen Welten kommen. Unser Team ist ein bunter Mix, von der Buchhalterin über ehemalige Wüstenrot-Vertriebler bis hin zu einer Ethnologin und einem Azubi, der selbst geflüchtet ist. Zu New Work gehört aber auch, ein paar Statuten im Kopf aufzubrechen. Wir haben jetzt gerade ein Mitarbeiter-Council aufgebaut. Unsere drei bewährtesten Mitarbeitenden bekommen Firmenanteile in Höhe von 5 Prozent geschenkt. Das sind nicht irgendwelche virtuellen Shares, sondern tatsächlich ein Sitz am Gesellschaftertisch. Das heißt, dass sie mitreden und teilweise sogar ein Veto gegen unsere Entscheidungen einlegen können, also aktiv die Strategie des Unternehmens mitgestalten. Dieses Mitarbeiter-Council wird alle zwei Jahre neu gewählt. So stellen wir sicher, dass unsere Mitarbeitenden ein aktives Mitspracherecht und eine Gestaltungspflicht haben. Ein soziales Unternehmen, das sich auch selber trägt, muss nicht immer irgendwelchen Investoren gehören. Wir halten alle Shares des Unternehmens und wir re-investieren Gewinne wieder in unseren Impact. Trotzdem möchten wir gesunde Gehälter verdienen, das ist zumindest unser Ziel. Stabile gesunde Gehälter, ein Umfeld, in dem sich alle wohlfühlen und sich selbst verwirklichen können, wo alle für ein gemeinsames Thema brennen, echte Mitsprache, Gestaltung und Ownership, das sind die Punkte, die mir auf Anhieb zu New Work einfallen.

Wie seid Ihr auf den NEW WORK AWARD aufmerksam geworden und was bedeutet die Auszeichnung für Euch?

Zarah: Aufmerksam geworden bin ich darauf über die sozialen Medien und die XING Website selbst. Wir empfinden es als eine Ehre, als New Work Pioneer ausgezeichnet worden zu sein. Daraus ergibt sich für uns eine größere Sichtbarkeit, nicht nur für  Social-Bee selbst, sondern auch für meine Idee einer modernen Organisation, in der man etwas anders machen kann als der Mainstream und trotzdem erfolgreich ist. So bewegen wir vielleicht andere Unternehmen zum Umdenken.

Wie geht es jetzt nach dem NWA weiter – was sind Eure nächsten Schritte?

Zarah: Wir haben ganz viele Projekte in der Pipeline. Dabei bekommen wir wieder Unterstützung von unseren größten Förderern, der Schöpflin-Stiftung und der aqtivator gGmbH von Unternehmer Stefan Quandt. In diesem nächsten Schritt legen wir praktisch die Weiterentwicklung von einer lokalen NGO zu einem bundesweiten Arbeitsmarktintegrations-Dienstleister aufs Parkett. Den Start dazu geben zwei große Qualifizierungs-Projekte, einerseits in Stuttgart im Bereich Pflege und dann bundesweit mit einem Remote-Projekt, bei dem wir in Zusammenarbeit mit SAP 25 Geflüchtete zu IT-Consultants ausbilden. Spannend ist auch das Trainer-Modell, mit dem wir Firmen in ganz Deutschland befähigen wollen, selber Geflüchtete einzustellen. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel Geflüchtete bundesweit in seinen 100 Filialen einstellen möchte, dann leiten wir die Filialleiter mit einem Start-Training an und begleiten sie anschließend für ein Jahr mit einer Zielvereinbarung. Und wenn jeder von denen sich auf fünf Geflüchtete konzentrieren kann, hat man 500 Mitarbeitende auf einen Schlag untergebracht. Das ist viel mehr, als wir allein stemmen könnten. Am Ende ergibt das ein gemeinschaftliches Projekt, das eine große Sichtbarkeit und unternehmerische Relevanz hat. So können wir unseren Impact in ganz Deutschland vervielfältigen. Im nächsten Jahr erweitern wir unser Portfolio noch, nachdem uns Unternehmen aktiv darauf angesprochen haben, dass sie Menschen mit Behinderung einstellen möchten, dabei aber auf ähnliche bürokratische und Finanzierungshürden wie bei Geflüchteten stoßen. Deswegen betrachten wir uns auch als Dienstleister für Vielfalt, nicht nur für Geflüchtete, sondern für alle Benachteiligten, die unsere Unterstützung brauchen.

Eure 3 Top-Tipps für alle, die die Arbeitswelt von morgen mitgestalten möchten?

Tipp Nummer eins: Arbeitet mit Leidenschaft. Es muss nicht immer ein soziales Thema sein, das ihr euch dafür sucht, aber auf jeden Fall ein Thema, für das ihr brennt und das euch begeistert. Dann geht man gerne zur Arbeit und kann sich mit seiner Tätigkeit identifizieren.

Tipp Nummer zwei: Mitsprache und Mitgestaltung. Flache Hierarchien heißt nicht, dass es keine gibt und dass alle Strukturen wegfallen. Mitsprache heißt auch nicht, dass Entscheidungen blockiert werden. Aus unserer Erfahrung ist es eher so, dass unser Mitarbeiter-Council Gas gibt, so dass wir mehr Unterstützung erhalten, weil unsere Mitarbeitenden mit einbezogen werden in die Entscheidungen, Verantwortung übernehmen und unsere Entschlüsse besser nachvollziehen können. 

Tipp Nummer drei: Legt den Fokus auf die persönliche Entwicklung der Mitarbeitenden. Investiert in ihre Bildung, gebt ihnen Zeit und Freiräume, um sich Wissen anzueignen. Fordert sie heraus, fördert ihre Kompetenzen und sorgt dafür, dass sie über sich selbst hinauswachsen können. Statt euch jemanden von außen zu holen, wenn ihr expandiert, setzt eure eigenen loyalen Mitarbeiter ein. So können sie sich insgesamt stärker identifizieren mit ihrer Arbeit.

*Der NEW WORK AWARD geht in die nächste Runde - ab sofort sind Bewerbungen in den Kategorien NEW WORKER:IN, NEW WORK TEAMS und ZUKUNFTSWÜRFE möglich. Zusätzlich wird zum ersten Mal der NEW WORK PUBLIKUMSAWARD vergeben, in Kooperation mit der Plattform story.one auf der ganz persönliche New Work-Geschichten veröffentlicht werden können. Mehr Infos zum AWARD, den einzelnen Kategorien und den Bewerbungsmodalitäten gibt es auf dieser Spezialseite.