Arbeitsexperiment "Summer of Pioneers"

Kleinstadt auf Probe

Gibt es nur in der Großstadt das wahre, erfüllende (Job)-Leben – oder wollen wir lieber entspannt auf dem Land arbeiten? Das Projekt „Summer of Pioneers“ ermöglicht denen, die das ausprobieren wollen, sechs Monate in einer Kleinstadt zu leben und zu arbeiten. Zum Beispiel in Homberg (Efze). Und für manche der Pioniere geht der Traum auch nachher weiter. Auch, weil das neue berufliche und menschliche Netzwerk direkt mitgeliefert wird, wie NXW Magazin-Autorin Maria Zeitler herausfand.

Es war ein Urlaub in den Alpen, der für Sarah Ackermann die Entscheidung brachte, die Rhein-Main-Region zu verlassen, um auf dem Land zu wohnen und zu arbeiten. Doch dagegen sprach, dass ihr Arbeitgeber kein Homeoffice anbot, und sie auch mit der Frage haderte, ob sie auf dem Dorf als Zugereiste isoliert bleiben würde. Doch mit der Corona-Pandemie wurde auch für Sarah Ackermann das Homeoffice möglich - und nur wenig später stieß sie durch Zufall auf das Projekt „Summer of Pioneers“. Sie bewarb sich für das sechsmonatige Programm und wohnt seit Mitte Mai 2021 in Homberg (Efze), einer Kleinstadt in Nordhessen mit rund 14.000 Einwohnern. „Es sind nicht ganz die Alpen geworden, aber die Idee, dass man mit einer Gruppe von 20 Leuten zusammen neu in diese Umgebung kommt, hat mich sofort überzeugt. Mit einem Netzwerk aufs Land zu ziehen, war für mich der Jackpot.“

Die Idee, Menschen zum Arbeiten und Leben aufs Land zu schicken, hatte Frederik Fischer. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Neulandia, die mit sogenannten "KoDörfern" und dem „Summer of Pioneers“ gemeinschaftliche Wohn- und Arbeitsmodelle für den ländlichen Raum entwickelt. Das Modell: 20 Menschen ziehen für sechs Monate in eine Kleinstadt, zahlen 150 Euro pro Zimmer, in einer WG oder eigenen Wohnung - inklusive Internetanschluss und der Möglichkeit, in einem extra für die "Pioniere" geschaffenen Coworking-Space zu arbeiten. Dafür muss sich jeder Pionier ein Projekt überlegen, dass er in den Kleinstädten, die oft unter Leerstand und Landflucht leiden, umsetzt. 

2019 starteten die ersten Pioniere in Wittenberge im Nordwesten Brandenburgs, gerade laufen neben Homberg Projekte in Tengen in Südbaden und Altena im Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen. Weitere werden folgen, denn der Zuspruch ist groß: Auf die je 20 Plätze gibt es 80-120 Bewerbungen, nach Wittenberge wurde auch das Projekt in Homberg gerade um weitere sechs Monate verlängert. „Im Schnitt bleibt über die Hälfte der Pioniere auch nach Ablauf des Projektes langfristig, um in der Kleinstadt weiter zu wohnen und zu arbeiten“, sagt Frederik Fischer.

Sarah Ackermann freut sich, dass das Projekt weiterläuft, aber sie hat auch unabhängig davon schon entschieden, in Homberg zu bleiben. Ihre Wohnung in der Frankfurter Vorstadt Dreieich, die sie während der ersten sechs Monate Landleben auf Probe noch behalten hat, hat sie gekündigt. Ebenso ihren Job in einer Frankfurter Werbeagentur. Ab November will sie selbständig als Projektmanagerin für Agenturen oder Kunden arbeiten und sich weiter in Selbstorganisation die Webentwicklung beibringen. „Es könnte keine bessere Basis geben, um sich selbständig zu machen“, sagt Sarah Ackermann. Das Netzwerk mit den anderen Pionieren, von denen auch einige in Homberg bleiben, die Natur und der Coworking-Space überzeugen sie.

Warum funktioniert das Konzept so gut und warum ist der Arbeitsort Land für so viele wieder attraktiv geworden? Frederik Fischer sagt: „Das ist ja kein neues Verlangen. Bislang war es nur einfach alternativlos, in der Großstadt zu wohnen. Aber durch Corona setzt eine ‚Stadtflucht‘ ein. Die Bereitschaft, so viele negative Begleiterscheinungen zu schlucken, sinkt.“ In Zukunft wollen viele so arbeiten, dass es sich besser mit unserem Leben verträgt, sagt er. In der Kleinstadt fallen Pendelzeiten weg, es bleibt mehr Zeit für Freizeit und Entspannung, durch die nahe Natur gibt es einen Ausgleich zur Arbeit. „Wir sind nicht in der Großstadt, weil wir da sein wollen, sondern weil die Jobs und Gleichgesinnte da sind“, sagt Fischer. 

Nun aber hat Corona den Arbeitsort durch remote work zunehmend unabhängig vom Lebensort gemacht und Fischer hatte die Erkenntnis: „Indem ich Leute zusammen aufs Land bringe, nehme ich ihnen die Angst es zu tun.“ Lebensqualität, Gemeinschaft, eine neue Art der Verbindlichkeit sei das, was die Teilnehmenden suchen. Sie wollen die Anonymität der Großstadt eintauschen in eine Umgebung, in der es kurze Wege gibt und auch eine spontane Biergarten-Runde zusammenkommt, weil es gar nicht so viele Konkurrenzangebote gibt. „Viele denken, auf dem Dorf oder in der Kleinstadt ist man allein, aber es ist genau das Gegenteil der Fall“, sagt Frederik Fischer. Auch Sarah Ackermann sieht das so: „Der Treiber, hier zu bleiben, ist für mich definitiv die Gemeinschaft“, sagt sie. „Wir wohnen hier alle um den Marktplatz herum, man begegnet sich, sobald man rausgeht und trifft immer jemanden, mit dem man sich kurz austauschen kann“, sagt sie. Auch dass viele andere Selbständige, Kreative, Unternehmer und IT-Experten zu den Pionieren in Homberg gehören, ist für sie ein wichtiger Punkt, denn dieses Netzwerk könnte ihr auch in der Selbständigkeit helfen.

Aber geht es hier nicht nur um eine Blase? Ist das Arbeiten auf dem Land in Wahrheit überhaupt nur möglich für remote arbeitende Kreativarbeiter und Freelancer? Frederik Fischer sieht das anders: „Am Anfang ist es die Kultur- und Digitalszene, die den Grund bereitet mit ihrer Kommunikationsfähigkeit. Irgendwann spricht es sich dann herum, dass viele Leute mit urbanem Hintergrund hier leben und arbeiten und dass es eine junge Community gibt. Das motiviert dann Leute aus allen möglichen Bereichen, die schon immer mit dem Gedanken gespielt, aber sich nicht getraut haben“, sagt Frederik Fischer. Lehrer, Köche – und manchmal verändert das Land nicht nur das Leben, sondern auch die Arbeit: In Homberg werden zwei Leute bleiben, die vorher in einem Digitalberuf gearbeitet haben und jetzt das Bio-Café betreiben.

Frederik Fischer muss sich oft die Frage gefallen lassen, warum er denn selbst nicht am Land wohnt, wenn er so begeistert davon ist, dort zu arbeiten. Er war 2019 selbst einer der Pioniere in Wittenberg. Er wollte gern bleiben, es scheiterte aber daran, eine passende Wohnung oder ein Haus für sich und seine Familie zu finden. Der Plan ist aber keineswegs aufgegeben, im Gegenteil: „Die Deadline ist die Einschulung meiner Tochter. Dass wir dann auf jeden Fall Berlin verlassen, steht fest“, sagt er. 

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