Interview mit NWX22-Speakerin Insa Klasing

"Kontrolle hat als Führungsparadigma ausgedient"

Insa Klasing ist Co-CEO und Co-Founder der Beratungsagentur TheNextWe und begleitet Unternehmen wie Nestle, Pfizer und Douglas mit Programmen für Mindset-Wandel in der Transformation. In ihrem 2019 erschienenen Buch "Der 2-Stunden-Chef: Mehr Zeit und Erfolg mit dem Autonomie-Prinzip“ entwarf sie ein neues Bild vom Führung. Im Vorfeld ihres Auftritts bei der diesjährigen NWX22 am 20. Juni in Hamburg* sprach Insa Klasing mit NWX Magazin-Autorin Daniela Lukaßen-Held darüber, warum die Rolle von Vorgesetzten als Kontrollinstanz ohne Vertrauen in die Beschäftigten ausgedient hat, weshalb das Mindset eine besondere Rolle spielt und inwieweit Corona Führung verändert hat.

NWX Magazin: Sie sagen, dass zwei Stunden am Tag reichen, um eine gute Chefin zu sein. Warum ist das so?

Insa Klasing: Wer mehr als zwei Stunden führt, wird schnell zum Micromanager und das blockiert nachweislich die Motivation sowie die Kreativität und die Weiterentwicklung der Mitarbeiter.

Und wie kann die Zurückhaltung von Vorgesetzten zu besseren Arbeitsergebnissen führen? 

Insa Klasing: Der Mitarbeiter entscheidet selbst, wie er ein Thema angeht und Probleme löst. Und mit dieser Entscheidung ergeben sich ein ganz anderes Engagement und eine ganz andere Eigenverantwortung. Kreativität braucht Freiraum und Autonomie schafft Freiraum. So sind ganz neue Lösungsansätze möglich, die mit einem Micromanager als Chef bereits vorgegeben sind. Und die Abwesenheit des Chefs kann ein großer Motor zur Weiterentwicklung des Teams sein.

Das hat ja viel mit Loslassen zu tun. Bei Ihnen selbst hat ein schwerer Reitunfall dazu geführt, dass Sie Ihren Führungsstil abrupt verändern mussten. Wie war es für Sie, loslassen zu müssen?

Insa Klasing: In der Situation selbst war das sehr schwierig. Aber es war alternativlos. Und im Nachhinein muss ich sagen: Es war das Beste, was mir passieren konnte. Auf diese Weise wurden auf einmal ganz andere Ergebnisse möglich. Und genau das hätte ich ohne den Unfall nie in dieser Form verinnerlicht. Und ich hätte mein Führungsverhalten unter anderen Umständen sicher nicht so radikal verändert. Aus diesem Grund war es im Nachhinein ein großes Geschenk.

Dennoch ist ein solcher Unfall ja nicht besonders erstrebenswert. Was raten Sie anderen Führungskräften: Wie kann der eigene Führungsstil auch ohne ein solches Ereignis umgestellt werden?

Insa Klasing: Bei Verhaltensänderungen gibt es immer zwei Auslöser. Das eine sind Push-Faktoren, wie etwa ein Unfall oder die Geburt eines Kindes oder andere Erlebnisse, die eine Lebenssituation drastisch verändern. Und es gibt die sogenannten Pull-Faktoren. Wenn ich etwas tatsächlich will, bin ich bereit, mein Verhalten entsprechend anzupassen. Sicherlich war für mich der Unfall eine große Veränderung. Aber eine ebenso große Veränderung in meinem Leben war das Thema Gründen. Ich bin dafür von Düsseldorf nach Berlin gezogen, habe alles hinter mir gelassen. Im Monopoly würde man sagen, ich bin einmal über Los gelaufen. Und das habe ich völlig freiwillig gemacht. Es war also ein Pull-Faktor, weil ich unbedingt gründen wollte und diese Idee des kollektiven Mindset-Wandels als Schlüssel für Veränderung in die Welt tragen wollte. Und das ist genau das, was Führungskräfte brauchen, die nicht gezwungen sind, ihren Führungsstil zu verändern. Diese brauchen eine ganz starke Absicht. 

Welche Rolle spielt denn das Thema Mindset aus Ihrer Sicht?

Insa Klasing:  Aus meiner Sicht ist eine Veränderung des Mindset der Schlüssel für jede Veränderung. 

Anfangs ist auch bereits das Wort Weiterentwicklung gefallen. In dem Kontext ist ja häufig auch Eigenverantwortung bedeutsam. Inwieweit verändert sich die Rolle von Vorgesetzten, wenn die Autonomie der Beschäftigten in den Mittelpunkt rückt?

Insa Klasing:  Ich bin der festen Überzeugung, dass Kontrolle als Führungsparadigma ausgedient hat. Und dass stattdessen mit Autonomie geführt werden sollte. Ich nenne das das Autonomieprinzip. Und dieses verändert die Rolle des Chefs fundamental. Dies bedeutet für Vorgesetzte, den Rahmen für Erfolg zu setzen, ihn aber nicht selbst zu füllen. 

Nun ist seit dem Erscheinen Ihres Buches "Der 2-Stunden-Chef: Mehr Zeit und Erfolg mit dem Autonomie-Prinzip" im Jahr 2019 einiges passiert. Wie hat sich das Thema Führung seitdem weiterentwickelt?

Insa Klasing:  Ich beobachte hier ganz rasante Entwicklungen. Insbesondere seit dem Ausbruch der Pandemie hat sich unsere Art zu arbeiten radikal verändert. Und darauf brauchen Führungskräfte eine Antwort. So ist zum Beispiel das seelische Wohlbefinden der Mitarbeiter inzwischen tatsächlich auch bei der Arbeit ein Thema, wo es früher völlig tabu war. Und dieses neue Mindset ist derzeit im Entstehen begriffen. 

Corona und damit verbunden Remote-Work haben die Kontrolle der Beschäftigten durch Vorgesetzte vielfach unmöglich gemacht. Sehen Sie hier eine Chance?

Insa Klasing:  Ja. In jedem Fall. Die Pandemie hat – gerade auch, weil sie so lange angedauert hat – große Verhaltensänderungen verursacht. Aber kein Wandel ist nachhaltig ohne einen zugrundeliegenden Mindset-Wandel. Und Chefs, die ihre Einstellung nicht verändert haben, etwa hinsichtlich des Themas Kontrolle, haben nur eine gezwungene Verhaltensänderung gelebt. Diese Chefs fallen in alte Muster zurück, wenn sich die Umstände wieder ändern.

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