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Freitag, 25. Juni 2021

Trendthema Workation: Oh, workplace in the sun!

Ein paar Wochen auf Gran Canaria arbeiten, statt im graukalten Deutschland: Diese Möglichkeit haben im Corona-Winter nicht nur Digitale Nomaden sondern auch erstaunlich viele Festangestellte genutzt. Doch wird der Trend, remote Arbeit an attraktive Orte zu verlegen, auch in der Post-Pandemie-Zeit bleiben? Tatsächlich stellen sich immer mehr Unternehmen hierzulande darauf ein, diese "Workations" als Mitarbeiterbenefits anzubieten – und auch die Kanaren umwerben die „remote workers“ schon als neue Zielgruppe.

Den Winter in Deutschland tut sie sich schon seit drei Jahren nicht mehr an. Kathrin Lucia Meyer (Titelbild) ist freie Journalistin, Seminarleiterin und Social-Media-Managerin – und in der kalten Jahreszeit im Süden zu finden. Als sogenannte Digitale Nomadin teilt sie sich Leben und Arbeit frei ein, mietet sich in Co-Livings ein und arbeitet in Co-Working Spaces, um auch in den Austausch mit anderen zu kommen. Neben ihren beiden Wohnsitzen in München und Franken arbeitet sie auch regelmäßig von anderen Orten aus und bringt während dieser „Workation“ Arbeit und Urlaub zusammen.

Internetverbindung besser als in Deutschland

Doch nicht nur immer mehr Freelancer springen auf den Trend auf. Im Winter 2020/2021, mitten in der dritten Corona-Welle in Deutschland, zog es auch zahlreiche Festangestellte in den Süden: Drei Wochen in der Sonne der Kanaren zu arbeiten, anstatt im grauen Deutschland im Home-Office mit trockener Heizungsluft, war angesichts der monatelangen Umstellung auf remotes Arbeiten in vielen Unternehmen plötzlich möglich. 

Auch für Andreas war das eine echt verlockende Möglichkeit: Als Festangestellter bei einer deutschen Verbraucherorganisation flog er Anfang Mai los und blieb für sechs Wochen auf Gran Canaria. „Ich war im weniger touristischen Norden der Insel. Es lag dort Glasfaser mit 600 Mbit/sec in beide Richtungen, die Verbindung war deutlich besser als in Deutschland. Da die Arbeit unter Corona-Bedingungen ohnehin nur remote stattfindet, haben die meisten Kollegen nicht mal gemerkt, dass ich nicht in Deutschland war. Und direkt nach Feierabend an den Strand zu fahren, war genial“, erzählt er. Für ihn war es sicher nicht das letzte Mal – auch wenn Corona abflaut oder irgendwann überwunden ist: „Ich plane schon den nächsten Aufenthalt mit Arbeiten im Ausland. Es sollte kein Problem sein, gerade weil es beim ersten Mal so gut funktioniert hat“, sagt Andreas.

Workation als Benefit, den Unternehmen anbieten

Auch bei der Buchungsplattform „Holidu“ waren die Angestellten während der Pandemie im Workation-Fieber: Im gesamten Corona-Zeitraum hat Cora Graßhoff, Head of HR bei Holidu, bei rund 250 Mitarbeitern um die 60 Anträge bearbeitet, erzählt sie im Video-Anruf: Den nimmt sie an ihrem zweiten Workation-Aufenthaltsort in Südtirol an. „Im bisherigen Umfang werden wir es wahrscheinlich nicht weitermachen, aber viele Mitarbeiter sind schon interessiert und es gibt ein paar Anfragen für die Zukunft“, sagt sie. Wer Workation anbieten will, sollte sich aber bewusst sein, dass ein spezieller Prozess aufgesetzt und fortlaufend Zeit investiert werden muss, um alles rechtlich abzusichern, sagt Cora Graßhoff: „Es müssen viele Aspekte berücksichtigt werden, zum Beispiel, wo der Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig ist, wo er welche Steuern auf die Einkünfte zahlen muss und ob sich der Mitarbeiter oder das Unternehmen um die entsprechenden Versicherungen kümmert.“

Doch sie findet, es lohnt sich: Ihr selbst täte der Wechsel gut und sie fühle sich weniger gestresst – doch auch für das Unternehmen sieht sie aus HR-Sicht Vorteile: „Es ist ein Benefit, den wir den Mitarbeitern bieten können. Zu uns kommen viele junge Mitarbeiter, die daran Interesse haben und so kann man sich zu anderen Unternehmen absetzen“, sagt sie. Auch Andreas ist der Überzeugung, dass Workations die Motivation der Mitarbeiter enorm erhöhen. „Und in meinem Fall einer Non-Profit-Organisation wurde auch explizit gesagt, dass der Arbeitgeber das als Möglichkeit sieht, angesichts recht niedriger Gehälter die Arbeitnehmer zu halten und sich als zukunftsfähiger Betrieb zu präsentieren“, sagt er.

Kanaren haben „remote worker“ als Zielgruppe entdeckt

Nicht nur deshalb wird es die Möglichkeit in vielen Jobs auch noch nach der Pandemie geben: Kathrin Lucia Meyer glaubt, „dass Workation kein Corona-Trend war, sondern viele, auch Festangestellte, das weiterhin beibehalten möchten. Und sei es nur tage- oder wochenweise.“ Einer der Hotspots für „remote worker“ waren und sind die Kanaren, wo Kathrin selbst gerade für einige Monate Winter und Lockdown ausgesperrt hat. Zahlreiche Hotels haben sich – wegen der ausbleibenden Urlauber im Winter – bereits auf die neue Zielgruppe spezialisiert. Sie rüsten mit stabilem WLAN auf und statten Hotelzimmer mit Schreibtisch, Monitor und ergonomischen Stühlen aus, zum Beispiel das Hotel „Playa del Sol“ in Playa del Inglés, der Robinson Club (der remote arbeitende Eltern mit Kinderbetreuung lockt), aber auch viele kleine Unterkünfte und Colivings, die digitale Nomaden ansprechen. Rückenwind bekommen sie alle derzeit von einer groß angelegten Imagekampagne der Regierung der Kanaren: „Das Büro mit dem besten Klima der Welt“ möchte in den nächsten fünf Jahren 30.000 „remote worker“ anziehen, die Langzeitaufenthalte buchen.

Die Deutschen sind jedenfalls mehr als bereit, dem Ruf zu folgen: 64 Prozent der Beschäftigten wünschen sich laut Microsoft Work Trend Index 2021 weiterhin die Möglichkeit für Remote-Arbeit. Und einrepräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom im Herbst 2020 ergab, dass sich diese Arbeitsweise nach der Pandemie ausweiten wird: 35 Prozent, also 14,7 Millionen Berufstätige, werden den Arbeitsort flexibel wählen, 3,2 Millionen werden ausschließlich im Homeoffice arbeiten. 

„Workation wird keine Nische für Individualisten bleiben“

Und die Unternehmen? Im digitalen Bereich wird „remote work“ und damit auch Workation künftig für viele möglich sein:  Auf der Spotify Jobs-Seite heißt es, „Arbeit ist kein Platz, zu dem du gehst, sondern etwas, was du tust.“ Und Facebook hat gerade bestätigt, dass alle Angestellten, bei denen es der Job erlaubt, remote arbeiten können. Aber auch in Deutschland gibt es viele, nicht nur Tech-Unternehmen, die den Trend erkennen: Beim Heizungsbauunternehmen Thermondo gaben die Mitarbeiter in einer Befragung an, sie müssten nur 2,6 Tage im Büro sein, um einen guten Job machen zu können. CCO des Unternehmens, Sandra Raßfeld, berichtet in der Studie „Hybrid work“ des Agenturnetzwerks „Shift Collective“: „Daraus haben wir eine 2+x-Regel abgeleitet, die bedeutet, dass die 150 Mitarbeiter:innen der Berliner Zentrale zwei Tage im Büro sein müssen und die übrigen drei arbeiten können, wo sie möchten. Das kann das Büro sein, das kann aber auch Mallorca sein.“ 

Die Möglichkeit von „remote work“ und Workation wird künftig Auswahlkriterium für Bewerber sein – ebenso wie bereits zahlreiche Angestellte erwägen, den Job zu wechseln, wenn sie wieder dauerhaft ins Büro müssten. Nach Gesprächen mit anderen Reisenden ist Kathrin Lucia Meyer sicher: „Digitales Nomadentum und ortsunabhängiges Arbeiten werden im Zuge der Digitalisierung keine Nische für Individualisten bleiben. Ich bin überzeugt davon, dass das Homeoffice und mehr Flexibilität die Arbeitskultur in Unternehmen für alle Beteiligten zum Positiven verändern werden.“ Ihre nächste Workation steht auch in Deutschland schon vor der Tür. Diesmal geht’s an die Mecklenburger Seenplatte, nach Brandenburg und Rügen. „Hauptsache Wasser – und schnelles Internet.“ 

Text: Maria Zeitler