Innovative Start-up-Idee

Win-Win-Win im Homeoffice

Als die Corona-Krise im Frühjahr 2020 Stephan Haida traf, hatte der Geschäftsführer eines großen Messebau-Unternehmens quasi über Nacht leere Auftragsbücher und 50 arbeitslose Angestellte.  Doch Haida machte das Beste aus den Folgen der Pandemie. Mittlerweile unterstützt er mit dem neu gegründeten Start-up "Home Office Total" diverse Unternehmen und deren Mitarbeiter bei der Einrichtung von dauerhaften Homeoffice-Lösungen. Für viele Firmen mittlerweile auch ein wichtiges Recruiting-Instrument.

Im ersten Lockdown war Resignation Stephan Haida noch fremd: „Die Absage der internationalen Tourismusmesse ITB im März 2020 war natürlich ein Paukenschlag. Das konnte man sich vorher nicht vorstellen, dass eine so große Messe wirklich abgesagt wird.“ Es folgten weitere Absagen, die ihn als Geschäftsführer des international tätigen Messe- und Eventbauers Artlife trafen. Dennoch war er sicher: in drei bis vier Monaten würde alles vorbei sein. Er hoffte auf den Herbst – und die zweite Welle kam. „Dann war ich wirklich zwei Wochen in einer Schockstarre“, sagt Haida. Er tat, was man eben als Unternehmer macht: Er schaute sich die Zahlen an und überlegte, wie lange er mit den bestehenden Fixkosten durchhalten kann. Mehr und mehr war diese Situation unbefriedigend für ihn. „Nachdem ich meinen Garten zum 48. Mal vertikutiert hatte, merkte ich: Ich bin Unternehmer aus Leidenschaft und da es ist keine Option, aufzugeben.“

Fachkräfte kann man nur mit einer Vision halten

Also überlegte er, was er tun könnte. Auch um seiner Mitarbeiter willen, denn die zu behalten, war seine oberste Priorität: „An 50 Mitarbeitern hängen 50 Familien dran, da hat man eine Verantwortung. Außerdem: Messen und Veranstaltungen wird es nach der Krise geben und da brauchen wir die Fachkräfte“, sagt Haida. Sie alle sollten sehen, dass es eine Vision gibt und das Unternehmen auch weit über den Tellerrand hinausschaut. „Wir haben eine Schreinerei für den Bau der Messestände und hätten wie einige unserer Mitbewerber einfach Schränke oder Corona-Trennwände bauen können. Aber unsere Vision hat geholfen, dass die Mitarbeiter uns ihr Vertrauen geschenkt haben. Es sind alle bei der Stange geblieben.“

Die Vision war das Thema Homeoffice und die Idee kam Stephan Haida auf einer Autofahrt. „Zum einen waren meine Mitarbeiter selbst im Homeoffice – zum anderen hatten befreundete Tüftler uns gerade einen Gartencontainer angeboten, der war damals noch zweckfrei. Aus zwei Ideen wurde eine und ich sagte: Lass uns einfach ein Homeoffice da rein bauen.“ Mit viel Elan und Zeit trieb er mit seinem Team und anderen Partnern die Idee voran, beschäftigte sich viel mit dem Thema Büro, mit Arbeitsstättenverordnung und Arbeitsschutzgesetz, mit Ausstattung, Möbeln und Technik – und der Container sollte sogar Solarzellen auf dem Dach haben. „Über Social Media und TV-Berichte haben wir dann einen Zulauf und eine Aufmerksamkeit bekommen wie in der ganzen 20-jährigen Firmengeschichte nicht.“ Haida rechnete damit, rund 200 der Container im Jahr zu verkaufen. Er verkaufte genau zwei. Die Idee war charmant, aber der Bedarf war nicht da.

Unterstützung bei der Ausstattung des Homeoffice

Aber auch von diesem erneuten Rückschlag ließ sich der Unternehmer keineswegs entmutigen – und verwandelte ihn erneut in eine Chance: „Wir hatten so viel investiert, nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit, um Know-How zu dem ganzen Thema aufzubauen, das wollten wir nicht einfach so versickern lassen“, sagt er.

So entstand die Idee, Unternehmen bei der Einrichtung der Homeoffice-Arbeitsplätze zu unterstützen – schon vor der Gründung der GmbH im April 2021 hatte seine Start-up Home Office Total (HOT) mit Tupperware den ersten großen zahlenden Kunden. Artlife ist der größte Anteilseigner und Haida einer der beiden Geschäftsführer. Der andere ist Dominik Thiele, den Haida über Bekannte kennenlernte und abwarb. Mit seiner Erfahrung als Regional-Manager DACH und Marketing-Director übernahm der den operativen Part. Nicht nur wegen eigener Betroffenheit nach Rückenproblemen durch falsches Sitzen im Homeoffice war Thiele gleich Feuer und Flamme: „Man muss sich das Potential vorstellen: Es gibt in Deutschland rund 14 Millionen potenzielle Homeoffice-Arbeitsplätze. Die Frage ist: Wie wird aus einem gegenwärtig vielerorts Provisorium ein nachhaltiger, professioneller Arbeitsplatz?“

„Homeoffice-Ausstattung wird den Unterschied machen bei der Fachkräfte-Gewinnung“

Zu wenige Unternehmen hätten dieses Thema bisher auf dem Schirm gehabt, das merken sie durch die zahlreichen Rückmeldungen. Neun Unternehmen mit jeweils mehr als 50 Mitarbeitern beraten sie schon – manchmal muss nur eine zusätzliche Lichtquelle eingebaut werden, manchmal kümmern sie sich um Büromöbel, Schreibtischstuhl, Monitore und die komplette Technik. "Einfallstor" ist dabei die Gefährdungsanalyse, die Unternehmen beim Heimarbeitsplatz verpflichtend durchführen müssen – die übernimmt HOT. 

„Eine wachsende Zahl von Unternehmen geht jetzt aber über die übliche ‚Laptop‘-Ausstattung hinaus, denn dann haben die Mitarbeitenden das Gefühl, abgeholt und wertgeschätzt zu werden“, sagt Thiele. „Das wird den Unterschied machen, auch bei der Fachkräfte-Gewinnung: Die Unterstützung der Mitarbeiter bei der Ausstattung des Homeoffice wird ein Differenzierungsmerkmal sein.“ Auch die Zertifizierung der Arbeitsplätze, die das Unternehmen mit Fachkräften für Arbeitssicherheit anbietet, ist gefragt. Für alle Seiten also, Unternehmen, Mitarbeiter und natürlich HOT selbst, eine Win-Win-Win-Situation.

Entwicklung zur ausgelagerten New-Work-Abteilung für hybride Arbeitswelten 

Doch auf dieser Stufe stehen zu bleiben, liegt dem Visionär Stephan Haida nicht: Mit Home Office Total soll es noch weitergehen. Dominik Thiele beschreibt die Pläne so: „Wir entwickeln uns quasi zu einer ausgelagerten New-Work-Abteilung, denn die Unternehmen haben auch Bedarf an der Gestaltung ihrer Büroräume für Präsenztage: So kommen jetzt Projekte hinzu, in denen wir gemeinsam hybride Arbeitswelten generieren.“ Bald kommt außerdem ein Homeoffice-Rendite-Rechner für Unternehmen, den das HOT zusammen mit einem Fraunhofer-Institut realisiert hat: Die Kosten des Homeoffice können dann dem Gewinn durch geringere Fluktuation, höhere Produktivität und weniger Krankheitstage gegenübergestellt werden. 

Wird Home Office Total also bleiben, auch wenn sich das Geschäft mit dem Messebau normalisiert? „Ja, unbedingt, denn auch das Homeoffice wird bleiben. Die Menschen haben den starken Wunsch, dieses neues Maß an Flexibilität zu behalten“, da ist sich Dominik Thiele sicher.

Text: Maria Zeitler

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