Gewaltfreie Kommunikation im Job

„Ich sehe, du bist stinkesauer! Was brauchst du?“ 

Kommunikation und soziale Fähigkeiten landen auf den Top-Plätzen in Umfragen zu den wichtigsten Jobskills, für Arbeitnehmer*innen wie für Führungskräfte gleichermaßen. Doch wie gelingt uns eine gute Verständigung im Beruf? Vor allem, indem wir unsere Kommunikation gewaltfrei praktizieren, sagt Kommunikationsberaterin Anette Gohlke. Wie das geht, verrät sie im Interview mit dem NWX Magazin.

NWX Magazin: Frau Gohlke, was genau bedeutet „Gewaltfreie Kommunikation“?

Anette Gohlke: Es geht darum, so zu kommunizieren, dass wir anderen mit Worten keine Gewalt antun und dass wir uns nicht verbal – oder auch nonverbal durch beispielsweise die Mimik – verletzen. Das tun wir zum Beispiel, indem wir in einem Vorwurf pauschalisieren: „Immer bist du zu spät!“ Bei der Gewaltfreien Kommunikation, die der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg in den 70er und 80er Jahren entwickelt hat, geht es um zwei große Ziele: 1. Ich will den anderen verstehen und ich will verstanden werden. 2. Ich will in Verbindung bleiben.

Wie funktioniert das ganz konkret?

Anette Gohlke: Wenn der Chef oder ein Kollege mich anschreit und schimpft, schlage ich nicht gleich zurück. Ich frage mich: Worum geht es dem anderen, wenn er so schreit und schimpft? Dabei können drei Schritte helfen. Zuerst beobachte ich: Was sehe ich? Was passiert hier? Und zwar ohne jegliche Bewertung. Beim zweiten Schritt geht es dann um das Fühlen: Wie geht es demjenigen dabei? Sicher ist er nicht glücklich, wenn er gerade so rumschreit. Im letzten Schritt kommen dann die Bedürfnisse: Was braucht derjenige jetzt? Was benötigt er wirklich, damit es ihm besser geht? Die drei Schritte funktionieren auch bei einem selbst: Bevor ich also jemandem einen Vorwurf mache, gehe ich in die Selbstklärung und frage mich: Halt, worum geht es mir eigentlich gerade?

Braucht man die gewaltfreie Kommunikation erst in solchen Krisensituationen – oder kann man diese damit auch vermeiden? 

Anette Gohlke: Sie hilft auf jeden Fall, die Anzahl und die Intensität der Konflikte zu verringern. Denn je klarer ich formuliere, desto weniger kommt es zu Missverständnissen, die dann oft zum Konflikt führen. Ein Beispiel: Der Chef hat einen Arbeitsauftrag und sagt: Stell mir bitte bis morgen die Unterlagen zum Thema XY zusammen. Dann hat er schon mal eine Sache richtig gemacht und die Unterlagen spezifiziert. Aber: Was ist morgen? 9 Uhr? 12 Uhr? Der Tag geht bis 0 Uhr. Und in welcher Form will er es erhalten: Einen Aktendeckel auf seinem Schreibtisch, eine Mail, ein Telefonat mit den Highlights? Wenn er sagt, er möchte bis 12 Uhr eine Seite in seinem Mailpostfach haben, ist das klarer. Dann sagt der Mitarbeiter zwar vielleicht, dass er den ganzen Vormittag ein Meeting hat, aber dann kann der Chef entweder entgegenkommen und die Deadline nach hinten schieben. Oder es ist so wichtig, dass der Mitarbeiter das Meeting zu dem anderen Projekt auf morgen schieben soll. Dann sind sie in Verbindung, dann geht das Aushandeln los und sie finden eine Lösung, die für alle passt. 

Aber immer nett sein ist doch auf die Dauer auch anstrengend, oder?

Anette Gohlke: Auf jeden Fall, aber darum geht es auch nicht! Gewaltfreie Kommunikation ist nicht mega-supernett, sondern klar und ehrlich. Ein Zitat von Rosenberg lautet: „Depressionen sind die Belohnung fürs Bravsein“. Wenn ich mich immer nur zurücknehme und ständig sauer bin und nichts sage, werde ich krank. Ich tue also was für mich und meine Gesundheit, wenn ich auf einem gesunden kleinen "Ego-Trip" bin und klar und deutlich kommuniziere. Klar kostet es erst einmal Überwindung, zu sagen: „Ich sehe, du bist gerade stinkesauer. Lass uns schauen: Worüber streiten wir gerade und reden wir über dasselbe? Was brauchst du?“ Der andere ist vielleicht trotzdem noch genervt, hat aber gleichzeitig die Chance zu sagen, was ich tun kann. Und selbst wenn das nur einer im Team macht: Es wird sich etwas verändern!

Aber es gibt ja immer auch Menschen, die einem einfach unsympathisch sind. Kann ich durch gewaltfreie Kommunikation auch erfolgreich mit jemandem zusammenarbeiten, der gar nicht auf meiner Wellenlänge ist?

Anette Gohlke: Ich kann mit denen super zusammenarbeiten. Ich liebe Menschen, die klar sind, auch wenn mir da vielleicht was gar nicht passt: Das Auto, die Klamotten, die Einstellung oder das "gockelhafte" Auftreten. Man muss sich nur klar machen, dass man auch mit den unsympathischsten Menschen empathisch sein kann. Wir Menschen haben ja die Fähigkeit, uns in den anderen hineinzuversetzen und zu überlegen: Wie geht es dem gerade? Was braucht er? Eine Grundannahme in der GFK ist auch, dass Menschen gern zum Wohl anderer beitragen, wenn sie es freiwillig tun können. „Ist es dir möglich, mir das bis morgen zu schicken?“ lässt dem anderen eine Wahl und ist besser als: „Schick mir das!“

Zahlreiche Umfragen, zum Beispiel auf XING oder kununu, ergeben gerade, dass Kommunikationsskills und soziale Fähigkeiten zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen gehören. Warum ist gute Kommunikation in der Arbeitswelt von morgen so gefragt?

Anette Gohlke: Ich tue mich ja mit dem „morgen“ schwer – gute Kommunikation war ja auch schon gestern und heute wichtig. Der Zeitdruck, unter dem wir heute leben, macht es nur schwieriger und deswegen müssen wir noch präziserer kommunizieren. Heute schreiben wir an einem Nachmittag 20 Mails hin und her. Vor 50 Jahren haben sich die Leute an die Schreibmaschine gesetzt, einen Brief geschrieben und nach einer Woche kam der Postbote mit der Antwort. Alles war entschleunigter. Dazu kommt, dass früher Leute Aufgaben manuell erledigt haben, die heute automatisiert ablaufen. In meiner Ausbildung bei der Bank habe ich Kontoblättchen einsortiert, da gab es keine Diskussionen oder Konflikte über richtig oder falsch. Das heißt, wir begegnen uns heute im Job in den komplexen Situationen, die nicht maschinell erledigt werden können. Und das sind die Situationen, in denen bereits Ungenauigkeiten in Details zu Missverständnissen führen – und die wiederum zu Konflikten. 

Sind die Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter darauf vorbereitet, in Zukunft immer besser – und möglichst gewaltfrei – zu kommunizieren?

Anette Gohlke: Viele sind da schon fit oder haben erkannt, dass es wichtig ist. Aber meine Einschätzung ist: Da geht noch eine ganze Menge. Bei Weiterbildungen zum Thema Kommunikation lassen sich eben die Opportunitätskosten nicht so genau beziffern: Wie viele Kranken- und Fehltage dadurch vermieden worden sind und ob die Fluktuation wegen der besseren Unternehmenskultur gesunken ist, lässt sich schlecht messen. Wer versteht, dass wir als Menschen – verrückterweise! – auch im Job Gefühle haben und wer seine Mitarbeiter als Menschen mit allen Facetten wirklich willkommen heißt, der ist schon auf einem richtig guten Weg.

Das Interview führte Maria Zeitler

*Unsere Gesprächspartnerin: Anette Gohlke ist Mediatorin und Kommunikationstrainerin aus Köln und international tätig. Nach mehr als 30 Jahren Vertriebs- und Führungsverantwortung in einer deutschen Geschäftsbank coacht sie seit sechs Jahren erfolgreich Einzelpersonen und große Unternehmen mit dem Schwerpunkt „Gewaltfreie Kommunikation“.