NEW WORK AWARD-Gewinner Tandemploy

Montag, 07. Juni 2021

Smarter Marktplatz für verborgene Talente

Jana Tepe und Anna Kaiser wollen in besser vernetzten Unternehmen Silos und klassische Hierarchien abbauen. Mit ihrer selbst entwickelten smarten Software unterstützen die beiden Gründerinnen der Tandemploy GmbH Firmen von Mittelstand bis Weltkonzern dabei, Inhouse-Wissen besser zu teilen und wichtige Schritte in Richtung einer Netzwerkorganisation zu gehen. Damit gewann das Tandemploy-Team beim NEW WORK AWARD 2020 den dritten Platz in der Kategorie NEW WORK ENABLER. Wir haben mit ihnen über den NEW WORK AWARD* und ihr Gewinner-Konzept gesprochen.

Könntet Ihr bitte kurz Euer Konzept vorstellen?

Jana Tepe: Mit Tandemploy haben wir eine Software entwickelt, die überwiegend bei großen und mittelgroßen Unternehmen eingesetzt wird. Man kann sich das wie einen firmeninternen Talent-Marktplatz vorstellen, auf dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst Angaben dazu machen, welche Projekte oder Arbeitsformen sie interessieren, ob sie einen Mentor suchen, einen Jobsharing-Partner oder vielleicht auch ein Coffeedate. Gleichzeitig geben sie ihren Beitrag an, den sie dabei einbringen können. Daraufhin bekommen sie Angebote von Kolleginnen und Kollegen aus der Organisation. Die Software ist ein Matching Tool, mit dem jede/r schnell findet, was sie/er sucht.

Anna Kaiser: So erleichtern wir es größeren Organisationen, das im eigenen Haus vorhandene Potenzial effektiv zu nutzen, und gleichzeitig den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genug Raum zu geben, um aktiv mitzugestalten, wie neues Arbeiten heute aussehen kann und soll. Das Manko ist ja oft, dass Manager gar nicht den Überblick haben, wo welche Skills und Interessen im Unternehmen verborgen liegen. Mittlerweile ist das ein riesiger Markt geworden, aber als wir 2013 an den Start gingen, gab es dafür noch nicht mal eine Bezeichnung. Heute ist das als Talent-Marktplatz oder Opportunity Marketplace ein Begriff.

Jana: Wir haben anfangs bei unseren Recherchen gespiegelt bekommen, dass es frustrierend ist, wenn in Projekten immer die üblichen Verdächtigen sitzen, weil sich jedes Mal die gleichen Leute melden. Wir haben überall herausgehört, dass die Firmen sich wünschen, ihre Projekte und Programme auf eine breitere Basis zu stellen, um auch die leisen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erreichen, die nicht immer sofort die Hand heben. 

Warum ist dieses Projekt so wichtig? Worin liegt der Mehrwert für die Arbeitswelt?

Anna: Die Arbeitswelt ist im Wandel und die Herausforderungen wachsen. Gerade größere Firmen, die noch sehr hierarchisch und traditionell strukturiert sind, tun sich schwer damit, Arbeitsmodelle zu flexibilisieren und neue Arbeitsformen wie z.B. agile Projektarbeit auszutesten, weil sie dem bisherigen Apparat doch sehr stark widersprechen. Solchen Unternehmen fällt es nicht leicht, die ersten konkreten Schritte in diese Richtung zu gehen. Sie stehen vor dem Dilemma, dass sie nicht überblicken, wo welches Wissen in der Organisation zu finden ist und auf welchem Wege man die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert, ihr Know-how mit anderen zu teilen, vernetzt zu denken und zu arbeiten. Das wurde eben nicht kultiviert in den letzten Jahrzehnten.

Jana: Wir reden immer gern von der Zukunft der Arbeit, aber es ist ja nicht so, dass die dann plötzlich irgendwann über uns hereinbricht, sondern wir können hier und heute die Weichen stellen. Es kommt jetzt darauf an, diese neue Arbeitswelt maßgeblich mit zu gestalten. Und da wollen wir mit unserer Softwarelösung einen wichtigen Baustein liefern, einen praktischen Hebel, sozusagen. Der erste Schritt besteht darin, Fragen zu stellen und dann gut hinzuhören. Es ergeben sich unheimlich viele Impulse und Ideen, wenn man die eigenen Leute mit einbindet. Dann kommt die Veränderung Stück für Stück. 

Wie messt Ihr den Erfolg des Tools und den Einfluss auf die Arbeitswelt?

Jana: Die Frage ist, welche Indikatoren man zugrunde legt. Oftmals sind die von HR-Abteilungen und Chefetagen angelegten Kennzahlen gar nicht dafür geeignet, um das zu messen, worauf es heute ankommt: Wie zukunftsfähig ist ein Unternehmen? Wie produktiv ist eine Organisation? Wie glücklich sind die Mitarbeiter? Da geht es nicht immer um knallharte Kennzahlen.

Anna: Mit unserer Software lassen sich aber ganz praktische Dinge auswerten. Die Userinnen und User geben viele Informationen ein, weil sie Nutzen daraus ziehen können. Wir erfahren, welche Skills sie haben, was sie in Projekte einbringen können, welches Wissen sie teilen möchten, was sie lernen wollen. Daraus leiten wir viele Analytics ab, die wir – natürlich anonymisiert – dem Management zur Verfügung stellen. Auf diesem Wege zeigt sich, welches Potenzial vorhanden ist und wo sich etwas verändert in der Organisation, wo Projekte schneller in Gang kommen durch die Nutzung des Tools und um wie viel aktiver sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen, wenn sie die Arbeit stärker mitgestalten dürfen. 

Welche Hürden gab es beim Aufsetzen Eurer Idee?

Jana: Als wir vor viereinhalb Jahren mit der Software auf den Markt kamen, galten wir als Pioniere auf dem Gebiet. Damals waren wir beinahe missionarisch unterwegs und mussten die Unternehmen erst überzeugen, dass sie so ein Tool brauchen. Das hat auch erstaunlich gut funktioniert. Unsere Aushängeschilder waren dann große DAX-Konzerne, die unsere Kunden wurden.

Anna: Mittlerweile ist es viel einfacher geworden, weil sich inzwischen fast jede große Firma mit dem Thema beschäftigt. Wer einen Talent-Marktplatz sucht, kommt von allein auf uns zu. Trotzdem gibt es immer noch sehr konservative Unternehmen, die einen solchen Raum für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gar nicht zur Verfügung stellen wollen, weil ihnen das ein Zuviel an Mitgestaltung ist. Wir konzentrieren uns stattdessen auf diejenigen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und offen sind für neue Wege.

Jana: Das Bewusstsein dafür ist schon sehr gewachsen in den vergangenen Jahren. SAP zum Beispiel setzt die Tandemploy-Software global ein, in 52 Ländern und über 250 Städten. Lufthansa hat sogar mitten in der Krise vergangenes Jahr unser Tool eingeführt. Gerade weil die Situation während der Pandemie so schwierig ist und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überall verstreut im Homeoffice sitzen, war es ihnen wichtig, dass alle miteinander verbunden und vernetzt bleiben. 

Was bedeutet New Work für Euch?

Jana: Ich glaube, New Work bedeutet für jeden etwas anderes, da gibt es nicht die eine Definition oder die eine Lösung für alle. Genau deshalb bietet unsere Software ja auch einen individuellen Ansatz für jedes Unternehmen. 

Anna: Für uns selbst bedeutet New Work, dass wir sie in der Firma auch leben und mit neuen Arbeitsweisen experimentieren. Seit acht Jahren arbeiten Jana und ich als Tandem-Spitze zusammen und das klappt wunderbar, da wir uns die Aufgaben nach unseren Stärken aufteilen und uns gegenseitig vertreten können. Vor sechs Jahren haben wir die 40-Stunden-Woche abgeschafft und sind dazu übergegangen, schon im Bewerbungsprozess die Kandidatinnen und Kandidaten nach ihrer idealen Wochenstundenzahl zu fragen und ihre Wünsche möglich zu machen. Wir waren schon vor der Pandemie sehr flexibel, aber durch Corona hat sich das noch verstärkt. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können von überall aus arbeiten, auch aus dem Ausland – solange die Teamarbeit funktioniert. Die fixen Montagsmeetings haben wir mittlerweile digitalisiert und gleichzeitig unser Büro in Berlin um-interpretiert zu einem Begegnungsort, zu dem man gezielt hinfährt, um sich mit Kolleginnen und Kollegen zu treffen, sich auszutauschen. Die eigentliche konzentrierte Arbeit findet vermehrt zu Hause statt.

Jana: Für mich persönlich bedeutet New Work, dass man eigenverantwortlich und weitestgehend nach den eigenen Vorstellungen und dem eigenen Rhythmus arbeiten kann. Die Arbeit sollte einfach gut ins Leben passen. 

Wie seid Ihr auf den New Work Award aufmerksam geworden und was bedeutet die Auszeichnung für Euch?

Jana: Ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf aufmerksam geworden sind, wahrscheinlich durch die Sozialen Medien. Für uns hat die Kategorie New Work Enabler gut gepasst, weil es genau das ist, was wir machen: Wir sehen uns als Enabler für größere Unternehmen, die mit New Work starten oder bisherige Ansätze auf eine breitere, skalierbare Basis stellen wollen. 

Anna: Dass wir unter die ersten drei gewählt wurden, hat uns extrem gefreut. Einmal, weil es unser Anliegen bestätigt, und zum anderen bringt es unserem Thema natürlich größere Aufmerksamkeit und Reichweite.

Wie geht es weiter, was sind Eure nächsten Schritte?

Jana: Mit einer wichtigen Entscheidung gleich am Anfang dieses Jahres wollten wir ein Zeichen setzen: Wir haben gerade Anteile an der Tandemploy GmbH verkauft – und zwar ganz bewusst ausschließlich an Frauen. Es ist die erste rein weibliche Finanzierungsrunde dieser Dimension eines deutschen Tech-Startups, das noch dazu unter weiblicher Führung steht – und ein starkes Signal in der männlich dominierten Gründerszene.

Anna: Wir haben Anteile an fünf Top-Frauen aus der Branche verkauft. Damit stärken wir die Diversität auch im Investorenbereich und befeuern gleichzeitig unseren internationalen Wachstumskurs. Unsere Software ist grundsätzlich überall auf der Welt einsetzbar und daher wird 2021 ein spannendes Jahr für uns.

Eure 3 Top-Tipps für alle, die die Arbeitswelt von morgen mitgestalten möchten?

  1. Einfach machen. Sucht Euch ein konkretes Ziel, das Ihr umsetzen wollt, das kann auch etwas ganz Kleines sein, aber fangt einfach an. Man muss vielleicht ein bisschen zivilen Ungehorsam mitbringen, um Dinge gegen den Strom auszuprobieren, auch als Managerin oder Manager. Aber Ihr könnt mehr bewirken, als Ihr glaubt. Wenn Ihr dann merkt, dass dabei etwas in Bewegung kommt, traut Ihr Euch anschließend, noch weiter auf diesem Weg zu gehen.
  2. Kein Weg zurück. Das ist unser Tipp für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Lasst Euch nicht wegnehmen, was im letzten Jahr wegen der Pandemie plötzlich funktioniert hat. Flexibilität, Homeoffice und all die anderen Veränderungen, die auf einmal möglich waren, weil es die Situation erforderte. Bleibt am Ball und erhebt Eure Stimme, wenn Unternehmen versuchen, wieder die alten Strukturen einzuführen. Es gibt keinen Weg zurück.
  3. Intuition ist wichtig. Bauchgefühl und Intuition können helfen, gute Entscheidungen zu treffen. Egal, ob man ein Unternehmen führt oder darin mitarbeitet. Es sollte nicht mehr so stark getrennt werden zwischen dem Business-Ich und dem privaten Ich. Es ist gut und wichtig, persönliche Aspekte, Eigenschaften und Charakteristiken bei der Arbeit einzubringen. Managerinnen und Manager dürfen sich nicht davor scheuen, Fehler zuzugeben. Ein bisschen mehr Menschlichkeit und persönliches Ich im Berufsleben kann uns nur helfen.

*Der NEW WORK AWARD geht in die nächste Runde - ab sofort sind Bewerbungen in den Kategorien NEW WORKER:IN, NEW WORK TEAMS und ZUKUNFTSWÜRFE möglich. Zusätzlich wird zum ersten Mal der NEW WORK PUBLIKUMSAWARD vergeben, in Kooperation mit der Plattform story.one auf der ganz persönliche New Work-Geschichten veröffentlicht werden können. Mehr Infos zum AWARD, den einzelnen Kategorien und den Bewerbungsmodalitäten gibt es auf dieser Spezialseite.