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„Wir müssen KI nutzen, damit die Digitalisierung keine Jobs kostet“

Individuelle Weiterbildungsprogramme

20. Juli 2022

Die immer stärkere Digitalisierung der Arbeitswelt verlangt neue Skills, Jobprofile ändern sich schnell: Gezielte Weiterbildung ist das Gebot der Stunde, doch viele Unternehmen verteilen sie immer noch mit der Gießkanne, kritisiert Elisa Hertzler. Im Interview mit dem NWX Magazin erklärt sie, warum sie das Startup „Peers Solutions“ gegründet hat und wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz die Personalabteilungen bei der Entwicklung individueller Schulungsprogramme entscheidend helfen kann.

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben Angst, durch zunehmende Technisierung ihre Jobs in der heutigen Form zu verlieren. Sie dagegen sagen: Wir brauchen KI, damit das nicht passiert. Wie passt das zusammen?

Elisa Hertzler: Viele Menschen haben Angst vor der Digitalisierung und vor allem davor, dass sie ganz viele Jobs vernichten wird. Klar ist, dass die neue Technik Jobs und Jobrollen massiv verändern wird. Das heißt aber auch, dass Weiterbildung der Schlüssel ist, das zu verhindern. Denn nur wenn ich die Leute nicht auf die Veränderungen vorbereite und sie trainiere, werden sie ihre Jobs verlieren. 

Warum brauchen wir Künstliche Intelligenz dazu, um die Menschen richtig für die Zukunft weiterzubilden? 

Elisa Hertzler: KI hilft, schon in einer ganz frühen Phase, in der viele Menschen stehen, Klarheit zu bekommen. Sie wissen oft gar nicht, WAS sie lernen sollen und was die Skills sind, die zu ihnen und zur Unternehmensstrategie passen, die sie aber auch auf ihrem persönlichen Karrierepfad weiterbringen. Mit unserer Software sieht zum Beispiel eine Software-Entwicklerin bei Bosch, welche Skills Software-Entwickler in ähnlichen Unternehmen oder der Branche brauchen und kann sich so ein bisschen vergleichen, denn es ist ja motivierend, zu sehen, was andere Leute in der Peer-Group gerade so lernen.

Wie funktioniert das ganz konkret?

Elisa Hertzler: Wir setzen auf unser Lernplattform Peers auf "Selena", einen smarten Lernpfadgenerator. Selena kombiniert die benötigten Skills und die passenden Inhalte, so dass für den Mitarbeitenden ein individueller Lernpfad herauskommt, der genau die Fähigkeiten vermittelt, die er oder sie brauchen wird. Der Lernende selbst oder die Führungskraft klickt sich durch einen kleinen Fragebogen, in dem verschiedene Skills vorgeschlagen werden. Diese Vorschläge kommen aus unserer Datenbank mit 15.000 Skills, die zum Beispiel auch aus ESCO, der Skill-Datenbank der europäischen Kommission, gespeist wird. Auf Basis der Jobrolle werden jeder Person 15 bis 20 neue Fähigkeiten vorgeschlagen, aus denen man dann die auswählt, auf die man sich konzentrieren möchte. Selena läuft dann durch unsere Content-Datenbank und sucht passende Lerninhalte zu den ausgewählten Skills aus. Sie sorgt aber auch dafür, dass die Inhalte aufeinander aufbauen, inhaltlich stimmig sind, Formate sich abwechseln, und das Ganze auch den Unternehmensvorgaben entspricht, das Budget eingehalten wird und der Zeitraum, in dem etwas Neues erlernt werden soll. Das dauert fünf Minuten pro Person.

Bisher haben Führungskräfte oder die Personalabteilung Pläne für die Weiterbildung gemacht. Kann KI das besser?

Elisa Hertzler: Vor allem kann KI die Menschen, die das bisher gemacht haben, darin unterstützen und ihnen wertvolle Zeit für andere Aufgaben schenken. Ein Beispiel: Wenn eine Geschäftsführerin weiß, dass die Digitalisierung potentiell ihr Geschäftsfeld verändern wird, dann muss sie fragen: Was heißt das jetzt für Controlling, für die R&D-Abteilung, für die Produktion, für das Marketing….? Es betrifft ja jeden anders, und das runterzubrechen für jede Person und jede Jobrolle, kann ich von keiner HR-Person erwarten – und auch Geschäftsführerin oder Teamleiter können das nicht leisten. KI kann das und das auch noch schnell. Die Head of learning&development von Trumpf hat zu mir gesagt, solch individuelle Lernpfade zu entwickeln, würde sie Monate kosten.

Wie viel Zeit und Mühe wird da genau eingespart?

Elisa Hertzler: Nach unserer Berechnung sparen wir vier Stunden pro HR-Person pro Woche ein. Das ist ja auch Admin-Arbeit, die wenig Spaß macht und die HR-Experten können die Zeit sinnvoller investieren in konzeptionelle und strategische Arbeit. Denn es stehen ja beide Aspekte an: Was soll überhaupt gelernt werden? Wenn gefühlt jede Woche neue Skills auf den Markt kommen und der Wandel immer schneller wird, kommt man dann auch nicht mehr hinterher. Wenn ich dann herausgefunden habe, was gelernt werden soll, stellt sich die Frage: Wie komme ich an die richtigen Inhalte? Der Weiterbildungsmarkt ist riesengroß, unübersichtlich und wächst jeden Tag. Man kann sich ja nicht jedes E-Learning der Welt anschauen, aber muss Inhalte aussuchen, kuratieren und mit den Anbietern verhandeln. 

Wie kommt der intelligente Lernpfadgenerator an die Inhalte?

Elisa Hertzler: Wir schauen uns stichprobenhaft Trainings an, nehmen nur renommierte Lernpartner auf und führen viele Gespräche. Unser Ziel ist bis Ende 2023 eine halbe Million Inhalte auf der Plattform zu haben und zwar alles von Präsenzseminaren über E-Learnings, Webinare, Ted talks, Podcast oder Artikel. Durch die Nutzerinnen und Nutzer findet eine Qualitätskontrolle statt: Was nicht als hilfreich bewertet wurde, wird anderen nicht mehr vorgeschlagen. Der Erfolg gibt uns recht: Im Gegensatz zu B2C-Lernangeboten mit einstelligen Abschlussquoten schließen bei Peers 80 Prozent ihren Lernpfad erfolgreich ab.

Welche Skills werden vor allem nachgefragt und gerade aktuell gelernt?

Elisa Hertzler: Viele kleine und mittlere Unternehmen haben während der Pandemie gemerkt, es ist Zeit zum Handeln. Da geht es aber nicht um Data Analytics und Blockchain, sondern um die grundlegenden Fähigkeiten wie digitale Kommunikation, remote führen, prozessuales und flexibles Denken, also die survival skills in unserer heutigen Welt. Dann wird aber natürlich auch fachliches Expertenwissen für neue Berufe wie UX/UI-Designer, Data Analyst oder der Wandel innerhalb eines Jobs, vom Vertriebler zum Berater, angefragt. Aber auch neue Systeme und Tools für Berufe, die es schon immer gab, die sich aber durch die Automatisierung ganz stark wandeln.

Wer die Weiterbildung durch KI besser macht, kann also auch seine Fachkräfte besser halten?

Elisa Hertzler: Man kann sie dadurch binden, halten und motivieren. Ich denke nur an die Gallup-Studie, laut der rund 50 Prozent der Menschen schon innerlich gekündigt haben. Dagegen hilft Weiterbildung. Die wird auch von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen genannt, wenn gefragt wird, was einen guten Arbeitgeber ausmacht. Mit guten Weiterentwicklungsperspektiven nimmt man Zukunftsängste, äußert Wertschätzung und schützt vor Burnout. Für Arbeitgeber gilt: Je früher ich anfange, meine Mitarbeiter auf Veränderungen wie die Digitalisierung vorzubereiten, desto geringer ist die Fluktuation. Und das ist existenziell: Die Leute, die alle Zukunftsskills haben, findet man nicht mehr auf dem Markt. Das heißt, ich muss in die Leute, die ich habe, investieren.

Das Interview führte Maria Zeitler

*Unsere Gesprächspartnerin: Elisa Hertzler ist Co-Gründerin und CEO von Peers Solutions. Zusammen mit dem IT-Experten Dr. David Topf hat sie das Startup Peers Solutions 2019 aus dem Accelerator-Programm des Hochtechnologieunternehmens TRUMPF heraus gegründet. Dort war sie vorher mehrere Jahre in der Strategie- und Unternehmensentwicklung tätig.

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