Die Vier-Tage-Woche galt lange als Symbol einer neuen Arbeitswelt. Ein großes deutsches Pilotprojekt hat das Modell über mehrere Jahre begleitet und neu ausgewertet. Der nun veröffentlichte Abschlussbericht zeigt, wie Unternehmen ihre Arbeitszeitmodelle angepasst haben, wie sich die Produktivität entwickelte und welche Effekte sich für Beschäftigte ergaben. Die Ergebnisse liefern reichlich Diskussionsstoff für die aktuelle, scharf geführte Arbeitszeitdebatte.
Als Anfang 2024 knapp 50 deutsche Unternehmen begannen, eine Vier-Tage-Woche zu erproben, war die Aufmerksamkeit groß. Für viele die Reduzierung der Arbeitstage als Blaupause moderner Arbeitszeiten, die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität verbinden könnte. Doch wie das Pilotprojekt nach zwei Jahren zeigt, ist die Einführung in der Praxis kein Automatismus. „Das geht nicht auf Knopfdruck“, berichtet Carsten Meier von der Berliner Agentur Intraprenör, Co-Initiator des Projekts, im Interview mit Spiegel Online über die Herausforderungen bei der Umsetzung . Essenziell sei nicht nur die Verkürzung der Arbeitszeit an sich, sondern die organisatorische Anpassung von Prozessen, Zusammenarbeit und Führung. Hierbei seien kreative Lösungen beim konkreten Modell gefragt: ob rotierende freie Tage, organisatorische Priorisierungen oder die Nutzung digitaler Tools zur Effizienzsteigerung.
Die Veröffentlichung der aktuellen Studienergebnisse fällt in eine lebhafte politische Debatte über die Arbeitszeit in Deutschland. Die intensive Diskussion mit teils scharfen Begriffen wie "Lifestyle-Teilzeit" dreht sich um die Arbeitszeit und Belastung von Beschäftigten allgemein, über den Übergang von einer täglichen zur wöchentlichen Höchstarbeitszeit und eine mögliche Anpassung des Rechtsanspruchs auf Teilzeitarbeit.
Zentrale Ergebnisse der Pilotstudie weisen darauf hin, dass viele der 45 teilnehmenden Organisationen zwar bei der Idee der Arbeitszeitverkürzung geblieben sind, inzwischen aber abgeändert oder flexibler ausgestaltet haben, was ursprünglich als klassische Vier-Tage-Woche gedacht war. Statt starrer vier Arbeitstage mit drei freien Tagen setzen Unternehmen heute häufig auf wöchentliche oder monatliche Flexmodelle. Das reflektiert auch eine nüchterne Erkenntnis des Projekts: Die reine Arbeitszeitreduktion ist weniger Erfolgsgarant als die begleitende Anpassung von Arbeitsweisen. „In vielen Fällen musste nachjustiert werden, weil die betrieblichen Abläufe nicht klar genug definiert waren“, so Prof. Julia Backmann von der Universität Münster, an der das Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet wurde.
Trotz der Komplexität der Umsetzung berichten sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte von positiven Effekten. Beschäftigte, die in Modellen mit reduzierter Arbeitszeit verblieben sind, geben im Schnitt an, deutlich weniger Stress zu erleben, Schlafqualität und allgemeine Lebenszufriedenheit hätten zugenommen – Effekte, die auch Julia Backmann hervorhebt: „Viele hatten im Vergleich zu anderen weniger Stress, sie schliefen auch mehr und waren sportlich aktiver“, fasst sie die gesundheitlichen Ergebnisse zusammen. Gleichzeitig betont sie, dass Produktivität und Leistung im Projekt „tendenziell stabil geblieben oder sogar leicht gestiegen“ seien, obwohl die Wochenarbeitszeit kürzer war, was Selbstauskünfte der Beschäftigten und Führungskräfte stützten.
Der Bericht dokumentiert auch, dass nicht alle Firmen den Weg zur reduzierten Arbeitszeit langfristig halten konnten. Einige kehrten zur traditionellen Fünf-Tage-Woche zurück, oft aus wirtschaftlichen oder organisatorischen Gründen. Doch selbst in diesen Firmen spreche vieles dafür, so Julia Backmann, dass die Teilnahme am Projekt wichtige Impulse geliefert hat und die Reflexion über Arbeitszeit und arbeitsteilige Zusammenarbeit angestoßen wurde. Entscheidend sei wie bei allen organisatorischen Veränderungen die Einbindung der Beschäftigten und eine transparente Kommunikation über Ziele und Erwartungen, um Motivation und Akzeptanz zu fördern.
red