Mehr Tools, mehr Tempo, mehr Output: In vielen Organisationen herrscht die Hoffnung, mit KI produktiver zu werden. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch, dass genau dieser Ansatz neue Risiken für Prozesse und Mitarbeitende gleichermaßen erzeugt. Besonders betroffen: die mittlere Führungsebene und HR.
In vielen Unternehmen gilt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz als ein Versprechen auf höhere Produktivität. Klar: Wer mehr Tools einsetzt, arbeitet effizienter. Oder? Eine aktuelle Analyse der Harvard Business Review stellt diese Logik nun in Frage und beschreibt dazu ein neues Phänomen: „Brain Fry" nennen die Autorinnen und Autoren der Studie einen Zustand kognitiver Überlastung, der entsteht, wenn Mitarbeitende zu viele KI-Systeme gleichzeitig nutzen und überwachen müssen.
Die Studie basiert auf rund 1.500 befragten Beschäftigten. Das zentrale Ergebnis ist klar: KI steigert die Produktivität nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wer ein oder zwei Tools nutzt, arbeitet messbar effizienter. Mit jedem weiteren System nimmt dieser Effekt ab. In manchen Fällen kehrt er sich sogar um.
Der Grund liegt in der veränderten Arbeitslogik. KI ersetzt Aufgaben nicht einfach, sie erweitert sie. Mitarbeitende formulieren Prompts, prüfen Ergebnisse, vergleichen Varianten, treffen Entscheidungen. Arbeit verlagert sich von der Ausführung zur Steuerung. Damit wächst nicht nur der Output sondern auch die Verantwortungsspanne. Wer drei oder vier KI-Systeme parallel bedient, managt de facto mehrere digitale Kollegen gleichzeitig.
Besonders relevant für HR und Führungskräfte: Denn die höchste Belastung entsteht nicht durch die Nutzung von KI, sondern durch deren Kontrolle. Je intensiver Mitarbeitende KI-Systeme überwachen, desto höher sind mentale Anstrengung, Informationsüberlastung und Fehleranfälligkeit. Die Studie beschreibt ein klar umrissenes Muster: mentale Ermüdung, verlangsamte Entscheidungen, steigende Fehlerquoten. Viele Befragte berichten zudem von „Mental Fog" – einem Zustand eingeschränkter Klarheit und Konzentration, der mitten im Arbeitstag einsetzt. Auffällig ist dabei ein konkreter Befund: Mitarbeitende mit Brain Fry zeigen laut Analyse rund ein Drittel mehr Entscheidungsmüdigkeit als andere.
Die Belastung trifft nicht alle Bereiche gleich. Besonders gefährdet sind Funktionen, die intensiv mit Informationsverarbeitung und Kommunikation arbeiten – darunter Marketing, HR, Operations und Softwareentwicklung. Gerade im HR-Bereich ist die Taktzahl von KI-Einführungen derzeit immens hoch: In Recruiting, Kommunikation, Analyse und Learning werden viele Prozesse gerade parallel mit neuen Tools angereichert. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, in genau jene Steuerungsüberlastung zu geraten, die Brain Fry begünstigt.
Für die genaue Einordnung sei dabei eine Unterscheidung wichtig, betonen die Forscher: Brain Fry ist kein klassisches Burnout. Burnout entsteht aus langfristiger Überlastung und emotionaler Erschöpfung. Brain Fry ist ein akutes kognitives Problem das durch zu viele parallele Denkprozesse, zu häufige Kontextwechsel, zu viele Entscheidungen in zu kurzer Zeit entsteht.
Das Fazit der Wissenschaftler: Nicht die Arbeit wird zu viel. Sondern ihre Gleichzeitigkeit.
TH / red