Interview mit Arbeitsmarktexpertin Jutta Rump

"Positive Unternehmenskultur ist kein Schönwetterthema"

Die digitale, demografische und ökologische Transformation verändert Gesellschaft und Arbeit. Wenn es darum geht, die Konsequenzen dieser Entwicklungen für Personalmanagement, Organisationsentwicklung oder Führung zu analysieren, zählt Professor Dr. Jutta Rump zu den gefragtesten Stimmen im deutschsprachigen Raum. Im Interview berichtet die bekannte HR-Expertin darüber, welche Rolle eine mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur für den Unternehmenserfolg spielt, warum Zeit zur harten Währung wird, und wie Unternehmen von mehr Vielfalt profitieren.

Frau Professor Rump, viele Unternehmen stehen vor gewaltigen Herausforderungen – seien es Pandemiefolgen, Fach- und Arbeitskräftemangel, Lieferengpässe oder steigende Energiepreise. Lohnt es, ausgerechnet jetzt Zeit und Geld in die Pflege der Unternehmenskultur zu investieren? Oder lassen sich diese knappen Ressourcen besser nutzen? Was sagen Sie als Betriebswirtin?

Jutta Rump: Für mich ist das keine Entweder-Oder-Frage. Unternehmen müssen die digitale, ökonomische und ökologische Transformation parallel bewältigen. Für diese Transformations-Trilogie benötigen sie nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch zeitlichen und personellen Spielraum. Sie brauchen kompetente, engagierte Mitarbeitende mit ausreichend Zeit und Energie, um innovative Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Eine positive, mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur zahlt unmittelbar auf diese Faktoren ein – und damit auch auf den finanziellen Unternehmenserfolg.

Inwiefern? 

Jutta Rump: Quer durch alle Branchen klagen Mitarbeitende über Zeitstress – ausgelöst durch Faktoren wie steigende Informationsfülle und -komplexität, Personalmangel, Bürokratie, ständige Erreichbarkeit oder schnelle Veränderung. Entsprechend wächst der Wunsch, in Balance zu bleiben, selbst über seine Zeit zu bestimmen, kurz gesagt „Zeit zu haben“. Die Arbeitsorganisation und die Unternehmenskultur müssen dem wachsenden Bedürfnis nach mehr Flexibilität und zeitlichen Freiräumen gerecht werden, wenn Sie als Arbeitgeber attraktiv bleiben und die Leistungsbereitschaft ihres Teams erhalten wollen. Zeit wird neben dem Entgelt zur harten Währung im Wettbewerb um Talent und Arbeitskraft, das belegen zahlreiche Umfragen.

Wäre es da nicht sinnvoller, in effiziente Prozesse und zeitsparende Technologien zu investieren, wie etwa KI oder Robotik? Oder Personal aufzustocken?

Jutta Rump: Eine aktuelle Umfrage des IBE zeigt, dass viele Unternehmen tatsächlich so denken. Hard Facts wie Technologie und Prozessoptimierung haben beim Investieren klar Vorrang vor Aspekten wie agiles Arbeiten, Employee Experience oder Diversity. Das wird jedoch auf Dauer nicht funktionieren. Ohne flexible Angebote und eine offene, partizipative Kultur wird es künftig immer schwerer, Mitarbeitende zu finden, zu motivieren und zu halten. 

Das sind also keine „Schönwetter-Themen“, die ich als Unternehmen erstmal zurückstellen kann, bis ich die anderen Baustellen im Griff habe?

Jutta Rump: Richtig. Arbeitnehmende sind heute in der stärkeren Marktposition und können sich gezielt Betriebe aussuchen, die ein positives Arbeitsumfeld und bessere Balance bieten. Dem Fachkräftemangel können Unternehmen zudem nur dann wirksam begegnen, wenn sie bereit sind, aus einem erweiterten, diverseren Personenkreis zu rekrutieren. Dazu müssen sie sich auf unterschiedliche Lebensentwürfe und individuelle Arbeitsmodelle einstellen.

Was muss sich dazu kulturell in den Unternehmen bewegen?

Jutta Rump: Die Unternehmenskultur wird komplexer. Vielfalt bedeutet auch Widerspruch und Konflikt. Das erfordert eine positive Streitkultur. Anstelle engmaschiger Kontrollen und starrer Befehlsstrukturen sind Vertrauen und Fehlertoleranz gefragt. Die Kommunikation und das Miteinander sollten von Offenheit, Wertschätzung, Ehrlichkeit und Klarheit geprägt sein. 

Gilt das für alle? Es gibt doch auch Menschen, die klare Anweisungen und feste Strukturen mögen. Und Unternehmen, die ohne Partizipation und neue Arbeitsmodelle erfolgreich sind.

Jutta Rump: Solange Unternehmen verlässlich und stringent vermitteln, wofür sie stehen, ziehen sie sicherlich Mitarbeitende an, die dorthin passen. Ich persönlich halte das für ein Auslaufmodell. In einer Arbeitswelt, in der schnelle Veränderungen zum Normalzustand werden, bedarf es der Schwarmintelligenz. Entscheidungen durch eine Einzelperson oder durch ein kleines homogenes Team mögen zwar schnell getroffen sein, können jedoch nur bedingt die steigende Komplexität abdecken. Dafür braucht es die Fülle von Perspektiven und Kompetenzen, die nur in einem vielfältig zusammengesetzten Team vorhanden ist. Diese Vielfalt sollten Unternehmen nutzen. Partizipation und agiles Arbeiten werden also zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.

Interview: Kirstin von Elm

*Jutta Rump forscht als Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen zu Themen wie Arbeitgeberattraktivität, Diversity, Digitalisierung, Demografie- Management oder flexible Arbeit. Seit vielen Jahren begleitet sie Unternehmen und Institutionen aktiv bei Change-Prozessen und engagiert sich in zahlreichen Gremien für eine moderne, mitarbeiterorientierte Arbeitswelt.