Leitartikel zum Fokusthema

Unsere Arbeit nach Corona: Revolution oder Rückschritt?

Krisen sind, neben allem Schrecklichen das sie mit sich bringen, auch Gelegenheiten, richtig große Schritte nach vorne zu machen. Das gilt selbst für eine furchtbare Pandemie wie Corona mit ihren vielen Opfern. Und das gilt auch und vor allem für die Arbeitswelt, die ja schon vor Corona in einem Transformationsprozess war, dann aber fundamental durchgeschüttelt wurde.  Denn jetzt, wo das berühmte Licht am Covid-Tunnel sichtbar wird, wo ganz allmählich wieder vertraute Rituale und Situationen in unserem Job-Kosmos auftauchen, stellen sich die Fragen nach der Zukunft noch energischer: Wie und wo wollen wir weiter arbeiten?

Nutzen wir noch intensiver die Chancen der Digitalisierung, die uns in den vergangenen 16 Monaten zumindest überhaupt die Möglichkeit gegeben hat, ein Teil unseres (Arbeits-) Lebens fortzusetzen? Ist uns der agilere Workflow, der in der Pandemie manch organisatorische und hierarchische Ebene überwand, so stark ans Herz gewachsen, dass wir ihn nicht aufgeben wollen? Wie stark ist der Wille zu einer echten Weiterentwicklung? Und wie groß die Sehnsucht nach der Normalität vor Corona?

Einer der zentralen Schauplätze all dieser Entwicklungen wird sicher das Büro werden. In vielen Unternehmen sind die meisten Arbeitsplätze seit Monaten verwaist, Homeoffice-Lösungen für eine große Anzahl von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zur Regel geworden. Wie fallen deren Erfahrungen am beginnenden Ende dieser Episode aus? Welche Lösungen können sie sich in der Zukunft vorstellen? 

Die Einschätzung ist nicht ganz einfach: Denn die Signale, die von dieser Gruppe ausgehen, ändern sich. War die erste Zeit im Homeoffice noch von vielen Anpassungsschwierigkeiten geprägt, mehrten sich in der zweiten Phase jene Stimmen, die sich auch in Zukunft ein Arbeitsmodell ohne regelmäßigen Besuch der eigenen Firma vorstellen konnten. Umfragen zeigten eine große Mehrheit für die Etablierung von weitgehenden Homeoffice-Optionen auch nach der Krise. Und in vielen Unternehmensverwaltungen wurden schon Berechnungen angestellt, wie viel Büroraum man einsparen könnte.

Mittlerweile aber, nach über 450 Tagen Corona, werden wieder jene lauter und zahlreicher, die im Büro viel mehr sehen als nur den Ort, wo Arbeit erledigt wird. Das Büro wird von vielen seiner alten Benutzer vermisst als ein Ort des Austauschs, der persönlichen Interaktion und der sozialen Einbettung. Und schließlich auch „als der Ort, an dem eine Firma eine Farbe, einen Geruch, eine Gestalt erhält“, wie der Münchner Soziologe Nick Kratzer sagt. Ein solcher Ort also, der für beide Seiten, Individuen und Unternehmen gleichermaßen, bedeutsam sein müsste. 

Aber reichen diese Stimmungen auch aus, um die Notwendigkeit zu sehen, dass das Büro sich in der Post-Corona-Zeit deutlich weiterentwickeln muss - und mit ihm auch grundlegend viele Aspekte der Art und Weise, wie wir arbeiten? Die größte Herausforderung, meinen Experten, sei die Schaffung von dauerhaft hybriden Arbeitsorganisationen, bei denen einige Mitarbeiter vor Ort im Büro sind, andere mobil oder im Homeoffice. Das verlange nochmal echte Arbeit und Veränderungswillen.

Denn es geht natürlich nicht nur darum, Arbeitsumgebungen umzugestalten und dann nur noch per Dekret von oben zu bestimmen, ob man dort nun an einem, an zweien oder an allen Tagen der Woche Präsenz erwartet. Die Idee von NEW WORK war schon vor dem Wendepunkt Corona mehr als Homeoffice. 

Neues Arbeiten könnte zum Beispiel auch bedeuten, Führung und Selbstführung neu zu organisieren. Damit kommen auf jeden Beteiligten in der Hierarchie neue Aufgaben zu: Das Wegfallen vieler äußerer Strukturen oder Rahmen geht auf Seiten von Führung nur mit einem Mehr an Vertrauen. Und auf Seiten des Arbeitnehmenden mehr Selbstreflexion.

Mit unserem aktuellen Themenschwerpunkt „Arbeit nach Corona“ möchten wir die wichtigsten Aspekte dieser zukünftigen Entwicklungen beschreiben, sowohl auf Seiten der Unternehmen, als auch auf Seite der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wir werden hier im NWX Magazin neue Ideen und Tools für die Zusammenarbeit vorstellen, Entwürfe für eine neue Bürokultur und auch Erfahrungsberichte von Euch, liebe Leserinnen und Leser. Wir freuen uns auf den Austausch mit Euch.

Ralf Klassen